INVESTMENT INSIGHTS

Schwellenländer: Lohnt sich der Blick auf ESG?

Ernest Yeung , Portfolio Manager

Überblick

  • Die Unternehmen der Schwellenländer machen in Sachen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung («ESG») seit einigen Jahren erhebliche Fortschritte – und viele von ihnen wenden heute die internationalen Best-Practice-Verfahren an.
  • Dennoch herrscht allgemein die Auffassung, die Schwellenländer würden bei ESG weitaus schlechter abschneiden als die Industrieländer.
  • Für aktive Anleger schafft dies Gelegenheiten für ein Investment in fehlbewerteten Unternehmen, die strenge ESG-Standards einhalten oder auf den Weg bringen und die diesbezüglich vom Markt unterschätzt werden. Unserer Auffassung nach bieten diese Aktien auf lange Sicht interessante Wertpotenziale. 

Während bei Investments in den Industrieländern ESG-Faktoren praktisch standardmäßig berücksichtigt werden, ist dies bei Anlagen in den Schwellenländern nicht der Fall. Wenngleich in den Schwellenländern viele Unternehmen bei ESG noch nachbessern müssen, gibt es ebenso viele, die bereits hohe Standards einhalten oder sich verpflichtet haben, diese auf den Weg zu bringen. Um die Frage «Lohnt sich bei Anlagen in den Schwellenländern der Blick auf ESG?» zu beantworten, hilft ein Vergleich zwischen der langfristigen Performance von Unternehmen, die die Standards einhalten, und von solchen, die dies nicht tun (Abbildung 1).
 

 

(Abb. 1) Die Einbeziehung von ESG-Faktoren zahlt sich in den Schwellenländern auf lange Sicht aus
Kumulierte Index-Performance – Nettorenditen
30. September 2007 bis 30. September 2019
 

Kumulierte Index-Performance – Nettorenditen. 30. September 2007 bis 30. September 2019

Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung.
Quellen: MSCI (siehe «Zusätzliche Angaben»); Datenanalysen von T. Rowe Price. Total-Return-Indizes (nach Abzug der Dividenden), in USD, auf 100 umbasiert.



Wenngleich bei unseren Investmententscheidungen letztlich finanzielle Überlegungen im Vordergrund stehen, sind die ESG-Kriterien wesentlicher Bestandteil unserer Unternehmensanalysen und Anlageverfahren, um für unsere Kunden attraktive Renditen zu erwirtschaften. Dabei konzentrieren wir uns auf Unternehmen, die auf der «richtigen Seite» des Wandels stehen. 
 

Viele Anleger glauben, dass die Schwellenländer im Bereich ESG hinter den Industrieländern hinterherhinken. Durch dieses pauschale Urteil eröffnen sich für aktive Anleger attraktive Gelegenheiten für ein Investment in fehlbewerteten Aktien von Unternehmen, die in Sachen Nachhaltigkeit weithin unterschätzt werden. Wir bei T. Rowe Price sind jedoch überzeugt, dass die Einhaltung hoher ESG-Standards für den langfristigen unternehmerischen Erfolg von wesentlicher Bedeutung ist.
 

Eine günstige Bewertung alleine reicht nicht

Als Value-Anleger sind die ESG-Faktoren grundlegender Bestandteil unserer Anlageprozesse. Wir sind darauf ausgerichtet, «vergessene» Unternehmen mit hohen Wertpotenzialen ausfindig zu machen, die der Markt unterschätzt oder nicht erkennt. Allein die Tatsache, dass eine Aktie günstig bewertet ist, reicht uns dabei nicht. Wenn wir in ein Unternehmen investieren, müssen wir ein klares Potenzial für eine Trendwende sehen. Eine solche kann entweder durch externe Einflüsse wie etwa einen Regierungswechsel oder eine Konjunkturerholung ausgelöst werden oder durch interne Faktoren wie beispielsweise sinkende Kosten, ein Wechsel im Management oder Umstrukturierungsmaßnahmen. Zu den Impulsen, die für Wertpotenzial sorgen können, zählt ferner ein positives ESG-Profil. Letztlich sind sich Value- und ESG-Anleger in einem wesentlichen Punkt sehr ähnlich: Beide richten den Blick auf positive langfristige Veränderungen.

 

Die Unternehmen der Schwellenländer machen bei ESG rapide Fortschritte

Da die Schwellenländer und das mit ihnen verbundene riesige Anlageuniversum in Sachen ESG allgemein als schwächer wahrgenommen werden, bieten sie zahlreiche unterschätzte Wertpotenziale bei Unternehmen mit starken oder steigenden ESG-Ratings. Wir finden in den Schwellenländern viele Unternehmen, die höchste ESG-Standards einhalten und mit den Unternehmen der Industrieländer Schritt halten oder ihnen sogar voraus sind. Zugleich wenden viele Unternehmen zwar hohe Standards an, weisen jedoch trotzdem ein schlechtes ESG-Rating auf, weil sie dies nicht hinreichend offenlegen. Selbst in solchen Schwellenländern und Branchen, in denen ESG-Aspekte noch kaum berücksichtigt werden, finden wir viele Unternehmen, die sich klar zur Nachhaltigkeit verpflichten und verstehen, dass diese für ihren langfristigen Geschäftserfolg von wesentlicher Bedeutung ist. Dennoch schenken einige Unternehmen der Schwellenländer den ESG-Faktoren tatsächlich immer noch zu wenig Beachtung – insbesondere im Bereich Corporate Governance. Dies birgt unserer Auffassung nach Risiken, da ihre Gewinne mittel- bis langfristig durch höhere Kosten und Investitionen unter Druck geraten könnten, weshalb sie auf lange Sicht relativ geringe Wertpotenziale bieten.
 

Vor allem Corporate-Governance-Standards sind für den Unternehmenserfolg entscheidend, da sie einen maßgeblichen Einfluss darauf haben, wie ein Betrieb geführt wird. Wenngleich die Unternehmen der Schwellenländer gerade bei der Corporate Governance möglicherweise noch Nachholbedarf haben, machen sie besonders in diesem Bereich seit einiger Zeit beträchtliche Fortschritte. So konzentrieren sie sich zunehmend auf die Steigerung des langfristigen Shareholder Value, um insbesondere ausländische Investoren zu gewinnen. In unseren Anlageverfahren betrachten wir daher immer auch Aspekte wie Kapitalallokation, Struktur der Managementvergütung, Zusammensetzung und Unabhängigkeit des Vorstands sowie etwaige Übernahme- und Veräußerungspläne. Bevor wir in ein Unternehmen investieren, müssen wir davon überzeugt sein, dass das Management in der Lage ist, das Unternehmen effizient, profitabel und im besten langfristigen Interesse der Aktionäre zu führen.

Bei der Einbeziehung der ESG-Faktoren in unseren Analysen konzentrieren wir uns auf die Wesentlichkeit der einzelnen Faktoren sowie auf die möglichen positiven oder negativen Auswirkungen auf die langfristige Finanzperformance des Unternehmens.


Ein wichtiger Unterschied zwischen den Schwellen- und den Industrieländern besteht in den Eigentumsverhältnissen. Viele Unternehmen der Schwellenländer befinden sich in staatlicher Hand, was häufig eine ineffiziente Geschäftsführung und eine mangelnde Ausrichtung auf die Interessen der Minderheitsaktionäre zur Folge hat. Außerdem sind relativ viele Börsenunternehmen im Familienbesitz, was oft mit einer schwachen Corporate Governance einhergeht, wenn sich das Management ausschließlich aus Mitgliedern der kontrollierenden Familie zusammensetzt und die Interessen der Minderheitsaktionäre kaum vertreten werden.
 

Der ESG-Aspekt «Soziales» wiederum betrifft alle wichtigen Interessengruppen eines Unternehmens entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Lieferanten über den Kunden und einzelnen Mitarbeiter bis hin zur betreffenden Aufsichtsbehörde. Diese wesentlichen Beziehungen sind entscheidend für die operative Effizienz eines Unternehmens – und seinen langfristigen Erfolg.
 

Gazprom: Von der «Wertfalle» zum Outperformer?  


Die Aktie des russischen Energieriesen Gazprom notierte über viele Jahre hinweg praktisch seitwärts – und brachte den Anlegern magere Renditen ein.
 

Aufgrund der starken Gewichtung im MSCI Emerging Markets Index und der niedrigen Notierung hatten wir den Titel schön seit einiger Zeit beobachtet. Allerdings galt die Aktie – trotz des scheinbar hohen Wertpotenzials – lange Zeit als Paradebeispiel für eine «Wertfalle».
 

Tatsächlich gehörte die Gazprom-Aktie, gemessen am Kurs-Buchwert-Verhältnis, bis Anfang 2019 zu den billigsten Aktien im Schwellenmarktuniversum. Dennoch verzichteten wir auf den Titel. Denn wir sahen keine Belege für eine bevorstehende Kurswende, da das Management offensichtlich nicht fähig (oder bereit) für Reformen war, um die Geschäftsabläufe zu verbessern – und damit für Kurspotenziale zu sorgen.
 

In den ersten Monaten 2019 hat sich das Blatt durch die Ankündigung eines Führungswechsels abrupt gewendet. Einige langjährige Führungskräfte wurden entlassen und durch jüngere, fortschrittlichere Manager ersetzt, die Pläne für eine effektivere Kapitalallokation und eine Steigerung der operativen Effizienz bekanntgaben. Wir bewerten den Wechsel im Management und die signalisierte Verpflichtung zu Umstrukturierungen als Hinweis auf eine grundlegende Neuausrichtung des Konzerns. Als Anleger, die auf «vergessene» oder «unterschätzte» Unternehmen ausgerichtet sind, sehen wir bei Gazprom nun attraktive Wertpotenziale. 
 

Das neue Management legt offenbar einen Schwerpunkt auf die Steigerung der Aktionärsrendite. Mitte Mai kündigte das Unternehmen für 2019 eine rekordhohe Dividendenausschüttung von rund 8,5% an, was etwa 30% des Jahresüberschusses entspricht. Und die Marktteilnehmer erwarten für die kommenden Jahre sogar weiter steigende Ausschüttungsquoten von bis zu 50%.
 

Der Strategiewechsel, der die Aktionärsrendite in den Vordergrund rückt, hatte eine unmittelbare Rally der Aktie nach der Ankündigung der Dividendenerhöhung im Mai 2019 zur Folge, in der der Titel um mehr als 35% zulegte.2 Die grundlegende Neuausrichtung des Konzerns – sollte sie vollständig umgesetzt werden – dürfte für eine positive Kursentwicklung sorgen – zu einem Zeitpunkt, zu dem die Anleger die Aktie bereits weitgehend abgeschrieben haben.  
 

Trotz der positiven Anzeichen ist es allerdings verfrüht zu sagen, ob Gazprom einem echten, nachhaltigen Wandel unterzogen wird. Wir werden die weitere Entwicklung daher genau im Auge behalten.

 

ESG-Faktoren und die Vermeidung von «Wertfallen»

Bei der Einbeziehung der ESG-Faktoren in unseren Analysen konzentrieren wir uns auf die Wesentlichkeit der einzelnen Faktoren sowie auf die möglichen positiven oder negativen Auswirkungen auf die langfristige Finanzperformance des Unternehmens. So können sich beispielsweise die Vertriebspraktiken, der Einsatz fossiler Brennstoffe oder die Mitarbeiterbeziehungen auf operative Bereiche wie Preismacht, Marktstellung, Betriebskosten, Mitarbeiterbindung und Produktivität auswirken. Für uns als Value-Investoren sind diese Überlegungen in den Schwellenländern besonders wichtig, da viele Aktien an diesen Märkten auf den ersten Blick spotbillig erscheinen und solide langfristige Aufwärtspotenziale versprechen – wenn man lediglich die traditionellen Finanzfaktoren betrachtet. Analysiert man jedoch zusätzlich die nicht-finanziellen ESG-Faktoren, wird schnell klar, dass diese Titel oft nicht ohne Grund so billig sind – und es langfristig auch bleiben werden, wenn in Sachen ESG keine Fortschritte gemacht werden.
 

Wenngleich es in den Schwellenländern viele solcher «Wertfallen» gibt, gilt es, genau hinzuschauen. Denn viele Betriebe verfolgen durchaus solide ESG-Ansätze, verstehen es jedoch nicht, dies hinreichend offenzulegen, da ihnen nicht klar ist, dass diese Überlegungen für Investoren von großem Interesse sind oder wie sie ihre Bemühungen effektiv offenlegen können. Wir beobachten, dass sich die Unternehmen in den Schwellenländern zunehmend für ESG interessieren und stark machen – mitunter sogar entschiedener als in den Industrieländern.
 

ESG-Analysen nutzen

Bei T. Rowe Price integrieren wir die ESG-Faktoren schon lange in unsere Anlageentscheidungsprozesse. In den letzten Jahren wurden die Qualität und Konsistenz dieser Analysen weiter optimiert, indem wir für diesen Bereich ein eigenes internes Expertenteam geschaffen haben.
 

Insbesondere in den Schwellenländern, wo ESG-Analysen oft inkonsistent und die Daten von Drittanbietern häufig veraltet oder vergangenheitsbezogen sind, haben wir durch den Zugriff auf zeitnahe ESG-Analysen und durch den Fokus auf die Wesentlichkeit der einzelnen Faktoren einen entscheidenden Vorteil bei unseren Investmententscheidungen.

 


1
Quelle: MSCI (siehe «Zusätzliche Angaben»), Stand: 31. August 2019.

2 Quelle: Thompson Reuters, © 2019 Refinitiv. Alle Rechte vorbehalten. Stand: 30. September 2019. Datenanalysen von T. Rowe Price. Zeitraum: 13. Mai bis 30. September 2019.   Das Unternehmen kündigte am 14. Mai 2019 eine Dividendenerhöhung an.



Die bezeichneten und beschriebenen Wertpapiere geben nicht alle für das Portfolio gekauften, verkauften oder empfohlenen Wertpapiere wieder, und es dürfen keine Rückschlüsse darauf gezogen werden, dass die bezeichneten und diskutierten Wertpapiere rentabel waren oder sein werden.

 

 

Zusätzliche Angaben

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Wichtige Informationen

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201910-971902

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SICAV
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ISIN LU1244138340
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3 Jahres-Rendite
(Annualisiert)
10,29%
Fondsvolumen
(USD)
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