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Countdown bis zum Brexit: Bleibt es bei Halloween?

Quentin Fitzsimmons , Portfolio Manager

Großbritanniens neuer Premierminister Boris Johnson hat versprochen, den Brexit bis zum 31. Oktober zu vollziehen. Für ihn heißt es „alles oder nichts“. Einfach wird das nicht, denn Johnson steht vor der gleichen festgefahrenen Situation, die bereits Theresa May ihr Amt gekostet hat: Im britischen Parlament ist das Austrittsabkommen, das May mit der Europäischen Union (EU) ausgehandelt hatte, durchgefallen, die EU hat deutlich gemacht, dass das Abkommen nicht neuverhandelt wird, und die meisten Abgeordneten im britischen Parlament sind nach wie vor strikt gegen einen EU-Austritt Großbritanniens ohne ein entsprechendes Abkommen.
 

In dieser fünften Ausgabe einer Serie mit aktuellen Einschätzungen gibt Quentin Fitzsimmons, Portfoliomanager für Anleihen und Brexit-Spezialist von T. Rowe Price, einen Überblick über den aktuellen Stand der Dinge.


Welche Szenarien sind denkbar?

  1. Theoretisch gibt es noch vier mögliche Szenarios, von denen (wie wir später erläutern werden) aber nur zwei realistisch sind.
  2. Der britischen Regierung gelingt es nicht, ein Abkommen durch das Parlament zu bringen, und Großbritannien tritt am 31. Oktober ohne Austrittsabkommen aus der EU aus. Es wird auch keine Übergangsfrist geben, in der sich Bürger und Unternehmen auf die Umstellung vorbereiten könnten. Für den Handel zwischen Großbritannien und der EU würden dann unverzüglich die Regeln der Welthandelsorganisation gelten.

  3. Eine weitere Verlängerung der Frist nach Artikel 50 wird gewährt und der Austritt würde sich höchstwahrscheinlich bis 2020 verschieben. Das wird wohl nur geschehen, wenn triftige Gründe für einen Aufschub vorliegen, etwa um den Briten Zeit für Neuwahlen und / oder ein neues Referendum zu geben.

  4. Premierminister Johnson kann der EU Zugeständnisse abringen und das Austrittsabkommen passiert das Parlament in abgeänderter Form. Das ist aber eher unwahrscheinlich.

  5. Es ergeben sich Umstände, die London dazu bewegen, die Brexit-Erklärung nach Artikel 50 zurückzunehmen und dadurch den Brexit-Prozess auf unbestimmte Zeit auszusetzen.
Premierminister Boris Johnson hat versprochen, den Brexit bis zum 31. Oktober zu vollziehen. Für ihn heißt es „alles oder nichts“.

Was hat sich seit dem letzten Update geändert?

Nach dem dritten gescheiterten Versuch, das mit der EU ausgehandelte Austrittsabkommen durch das Parlament zu bringen, trat Theresa May am 24. Mai vom Vorsitz der regierenden Konservativen Partei zurück. Daraufhin musste ein neuer Parteichef gewählt werden. Der Gewinner dieser Wahl würde zudem automatisch neuer britischer Premierminister werden. Nach mehreren Wahlrunden kürten die konservativen Abgeordneten schließlich Boris Johnson und Jeremy Hunt zu den beiden Kandidaten für die entscheidende Abstimmung unter den rund 160.000 Mitgliedern der Konservativen Partei. Am 23. Juli wurde Boris Johnson als Wahlsieger bekannt gegeben.
 

Während des Rennens um den Parteivorsitz hatte Boris Johnson beharrlich erklärt, er könnte den No-Deal-Brexit als Druckmittel einsetzen, um der EU ein Abkommen mit besseren Konditionen für Großbritannien abzutrotzen. Dass im dies gelingt, erscheint unwahrscheinlich. Schließlich hat die EU mehr als einmal deutlich gemacht, dass es keine Nachverhandlungen über das Austrittsabkommen geben wird – dies hat auch die neue Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, bereits bekräftigt.


Für den Fall, dass kein neues Abkommen erzielt werden kann, hat Premierminister Johnson versprochen, dass Großbritannien am 31. Oktober auch ohne ein solches Abkommen aus der EU austreten wird. Allerdings droht ihm der erbitterte Widerstand des Parlaments, denn die meisten Abgeordneten – darunter auch nicht gerade wenige konservative Parlamentarier – sind gegen einen No-Deal-Brexit. Das Parlament könnte auf mehrere verschiedene Arten versuchen, einen No-Deal-Brexit zu verhindern: Es könnte die bestehende Gesetzgebung abändern, ein Misstrauensvotum gegen die Regierung anstrengen oder Druck auf die Regierung ausüben, indem es dem „Willen des Parlaments“ Ausdruck verleiht, einen No-Deal-Brexit zu verhindern.
 

Laut Medienberichten könnte Premierminister Johnson eine umstrittene Maßnahme ergreifen, um seinerseits zu verhindern, dass die Abgeordneten einen No-Deal-Brexit weiterhin blockieren: die Auflösung des Parlaments vor dem 31. Oktober. Das Parlament reagierte unverzüglich mit einem Gesetz, das dem Premierminister genau das unmöglich macht. Bis zum 31. Oktober werden im Parlament wohl noch weitere Schlachten zwischen den verschiedenen politischen Lagern ausgetragen werden.
 

Wenngleich vier Szenarios nach wie vor möglich sind, halte ich nur zwei für wirklich realistisch: einen Austritt ohne Abkommen am 31. Oktober und eine erneute Verlängerung der Frist nach Artikel 50. Dass die EU einem neuen Brexit-Abkommen zustimmt, das anschließend im Parlament durchgewunken wird, halte ich für ausgeschlossen. Und dass das Parlament aufgrund von Vorkommnissen in anderen Teilen der Welt dafür stimmt, die Brexit-Erklärung nach Artikel 50 zurückzunehmen und den Brexit-Prozess dadurch für unbestimmte Zeit auszusetzen, ist möglich – aber sehr unwahrscheinlich. Wegen der bisherigen Kommentare von Premierminister Johnson ist ein No-Deal-Brexit aus meiner Sicht nun am wahrscheinlichsten, gefolgt von der Verlängerung der Frist nach Artikel 50, um Zeit für Neuwahlen und / oder ein neues Referendum zu gewinnen.


Wie groß ist die Eintrittswahrscheinlichkeit der diversen Szenarios Ihrer Ansicht nach?

 

Austritt ohne Abkommen am 31. Oktober65%
Weitere Verlängerung der Frist gemäß
Artikel 50
30%
Parlament billigt geändertes Austrittsabkommen0%
Rücknahme der Brexit-Erklärung nach Artikel 505%



Wie beurteilen Sie die aktuellen Aussichten der diversen finanziellen Vermögenswerte?

Anleihen

Boris Johnsons Kommentare während des Rennens um den Parteivorsitz haben die Erwartung geweckt, dass Großbritannien am 31. Oktober auch ohne Abkommen aus der EU austreten wird. An den Märkten hat das für viel Nervosität gesorgt. Gleichzeitig macht sich zunehmend der Eindruck breit, dass sich die wirtschaftlichen Fundamentaldaten des Landes – wie in den meisten anderen Ländern der Welt – verschlechtern. Die Anleger rechnen daher verstärkt mit einer Zinssenkung der Bank of England bis Ende 2019. Außerdem flüchten sie aufgrund dieser Gemengelage in Massen in sichere Anlagen. Britische Staatsanleihen schnitten daher in den letzten Wochen sehr positiv ab.
 

Wenn in den nächsten Monaten der Brexit-Termin näher rückt, dürfte die Ungewissheit auch nicht abnehmen, sodass britische Staatsanleihen noch länger zulegen sollten. Falls Großbritannien am 31. Oktober aus der EU austritt, ohne dass ein Abkommen geschlossen wurde, wird es umgehend zu Beeinträchtigungen des Warenverkehrs kommen. Die resultierende Panik könnte einen steilen Sinkflug der Renditen auslösen. Sollten diese Beeinträchtigungen aber geringer ausfallen als erwartet, könnten die Renditen stark steigen.
 

Der Guerillakrieg im Parlament wird heftiger werden, wenn der 31. Oktober naht. Es könnte daher noch vor dem Stichtag durchaus zu Neuwahlen kommen


Aktien

Die Renditen an den britischen Aktienmärkten sind in diesem Jahr bislang recht passabel, im Vergleich zu jenen an anderen wichtigen Märkten aber niedriger. Die gestiegene Erwartung der Marktteilnehmer, dass die Zentralbanken die Zinssätze senken, und die Hoffnung auf einen positiven Ausgang der Handelsgespräche zwischen den USA und China haben Aktien in den letzten Monaten gestützt. Dem steht aber die größere Sorge um die Verfassung der Weltwirtschaft gegenüber. Die Unsicherheit wird vor dem Brexit-Stichtag 31. Oktober nicht abnehmen, sodass der britische Aktienmarkt weiterhin schwächer abschneiden dürfte als andere Märkte. In der letzten Woche gab das britische Office for Budget Responsibility die Prognose ab, dass ein No-Deal-Brexit zu einer Rezession und Verlusten an den Aktienmärkten von 5% führen werde.
 


Währungen

Als Boris Johnson und Jeremy Hunt in der vergangenen Woche – wenige Tage vor der Wahl zum Parteivorsitz – ihre jeweilige Haltung zum Brexit nochmals untermauerten, sank das britische Pfund auf den tiefsten Stand seit vielen Jahren. Johnsons Forderung, der Backstop für Nordirland müsse gestrichen werden, was Brüssel bereits vehement zurückgewiesen hat, schürte die Angst vor einem ungeordneten Brexit und löste einen starken Rückgang des britischen Pfunds aus. Das Pfund dürfte in den verbleibenden Monaten bis zum Brexit weiterhin stark unter Druck stehen. Sollte sich jedoch abzeichnen, dass das Parlament mit seinem Bestreben, einen No-Deal-Brexit zu verhindern, Erfolg hat, was möglicherweise zu einer Verlängerung der Frist nach Artikel 50 führt, könnte dies einen starken Anstieg des britischen Pfunds auslösen.

Darauf achten wir in nächster Zeit

Alle Blicke werden auf Boris Johnson und die ersten Wochen seiner Amtszeit gerichtet sein. Die Märkte werden sehen wollen, ob er in Sachen Brexit seine harte Linie weiterverfolgt oder doch etwas nachgibt. Wie sich die Dinge entwickeln werden, ist schwierig vorherzusagen: Johnson besitzt zwar Kommunikationsgeschick, doch was er mit wirklich meint, ist und bleibt schwierig zu erfassen. So oder so ist es meiner Ansicht nach fast sicher, dass Johnson der EU kein Brexit-Abkommen mit verbesserten Konditionen abringen können wird. Die entscheidenden Entwicklungen dürften daher in den nächsten Monaten im britischen Parlament zu beobachten sein. Die Gegner eines No-Deal-Brexit im Parlament versuchen bereits jetzt zu verhindern, dass Premierminister Johnson Großbritannien am 31. Oktober aus der EU führt. Die Regierung Johnson dürfte dem eine noch ausgefeiltere Taktik entgegensetzen. Der Guerillakrieg im Parlament wird heftiger werden, wenn der 31. Oktober naht. Es könnte daher noch vor dem Stichtag durchaus zu Neuwahlen kommen.

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