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Warum wir die moderne Geldtheorie ernst nehmen müssen

Nikolaj Schmidt , Internationaler Chefökonom

Überblick

  • Die moderne Geldtheorie (Modern Monetary Theory, MMT) wurde von Populisten vereinnahmt, um enorme Ausgaben für eine allgemeine Gesundheitsversorgung, Beschäftigungsprogramme und klimapolitische Maßnahmen zu begründen.
  • In der Praxis wird die MMT wahrscheinlich nicht funktionieren, da ihr stets die Politik in die Quere kommen dürfte.
  • Letzten Endes kommt es aber nicht darauf an, ob die MMT funktioniert oder nicht – entscheidend ist, dass sie in den Augen der Wähler einen gewissen Reiz hat und daher noch geraume Zeit größeren Einfluss haben dürfte.

Die Vorstellung, dass eine Regierung in großem Maßstab Geld drucken kann, um ambitionierte ausgabenträchtige Sozial- und Umweltprogramme zu finanzieren, findet immer mehr Anhänger. Die moderne Geldpolitik (MMT) wurde von Populisten vereinnahmt, insbesondere von Linkspopulisten, um ambitionierte Ausgabenprogramme zu rechtfertigen, die dem Ziel dienen, die Ungleichverteilung zwischen dem „Volk“ und den Eliten zu beseitigen. Kritiker haben die MMT in großer Zahl als unrealisierbar verworfen, doch ob sie funktioniert, ist nicht allzu wichtig – wichtig ist vielmehr, ob genügend Menschen dazu gebracht werden können zu glauben, dass sie funktioniert.
 

Warum die Menschen möglicherweise an die MMT glauben wollen, ist leicht zu verstehen. Eine ihrer Kernthesen lautet, dass ein Land mit eigener Währung neue Initiativen immer damit finanzieren kann, dass es neues Geld druckt, und die Möglichkeiten einer Regierung, Geld auszugeben, nicht dadurch beschränkt werden, ob sie die Einnahmen steigern kann oder den Haushalt ausgleichen muss. Die Anhänger der MMT behaupten, dass der Faktor, der die Haushaltsausgaben beschränkt, in Wahrheit die Inflation ist. Gibt es in dem Land unzureichend genutzte Ressourcen, sollte die Regierung ihrer Ansicht nach die Ausgaben erhöhen, um das Wachstum der Wirtschaft so weit anzuregen, bis alle Ressourcen eingesetzt werden. Wenn die Inflation zur Bedrohung wird, können Regierungen einfach die Steuern erhöhen, um die zu hohe Nachfrage zu dämpfen und dem System Geld zu entziehen.

Die Vorstellung, zur Finanzierung einer allgemeinen Gesundheitsversorgung, von Beschäftigungsprogrammen und von Klimaschutzmaßnahmen Geld zu drucken, hat zweifellos ihren Reiz.

Die Vorstellung, zur Finanzierung einer allgemeinen Gesundheitsversorgung, von Beschäftigungsprogrammen und von Klimaschutzmaßnahmen Geld zu drucken, hat zweifellos ihren Reiz. In den USA behaupten eher links gerichtete Demokraten, darunter Alexandria Ocasio‑Cortez, die MMT könne dazu verwendet werden, den Green New Deal zu finanzieren, ein geplantes weitreichendes Programm zur Ankurbelung der Konjunktur, das den Fokus auf den Klimawandel und die wirtschaftliche Ungleichheit legt. In der Eurozone haben die einzelnen Länder zwar nicht die Möglichkeit, Geld zu drucken, um eine fiskalische Expansion zu finanzieren, jedoch werden die Kernpunkte der MMT von Linkspopulisten dazu genutzt, um sich gegen die orthodoxe Haushaltspolitik der Währungsunion zu stemmen. In den nächsten Jahren werde sich wahrscheinlich noch mehr populistische Bewegungen weltweit einige Aspekte der MMT auf die Fahnen schreiben.

... Die MMT ... wäre in der Praxis ... schwer umsetzbar, da ihr die Politik in die Quere kommen dürfte.

Mangelnde Klarheit hemmt Debatte

Die Vorzüge der MMT zu beurteilen ist schwierig, denn ihre Anhänger haben noch keinen einheitlichen Rahmen geschaffen, der veranschaulicht, wie sie funktioniert. Einerseits weist die MMT darauf hin, dass es keine zu hohe, für eine Regierung unbeherrschbare Verschuldung gibt, sofern die Schulden auf die Landeswährung lauten und die Regierung daher unbegrenzte Möglichkeiten hat, Geld zu drucken und auf sozialer Ebene Gutes zu tun. Andererseits erklären die meisten Verfechter der MMT, sie seien nicht für unkontrollierte Haushaltsausgaben, und betonen, dass die Nachfrage gesteuert werden muss, um die Wirtschaft im Gleichgewicht zu halten.
 

Kritiker entgegnen, die Anhänger der MMT würden sich mit Absicht nur sehr vage dazu äußern, wie die MMT genau funktioniert, weil sie nicht funktionieren könne. Im Gegenzug werfen die Befürworter der MMT den Kritikern vor, sich gar nicht erst die Mühe zu machen, die Theorie wirklich verstehen zu wollen. Das Fehlen eines vereinbarten Rahmens bedeutet, dass Debatten über die Vorzüge der MMT selten irgendwo hin geführt haben und beide Seiten sich häufig gegenseitig bezichtigten, in böser Absicht zu handeln. Der Ökonom Paul Krugman, ein erbitterter Kritiker der MMT, schrieb: „Die Vertreter der MMT … lassen uns gewöhnlich im Unklaren darüber, worin genau sich ihre Sichtweisen von den herkömmlichen Ansichten unterscheiden, und haben einen starken Hang, jeden Versuch, aus ihren Worten schlau zu werden, kurzerhand abzutun.“ Die MMT-Anhängerin Stephanie Kelton, eine Ökonomin und ehemalige Beraterin des Präsidentschaftskandidaten von 2016 Bernie Sanders, wirft Krugman indes vor, er habe „einige der grundlegenden Ideen nicht verstanden“ und sich davon „in die Irre führen“ lassen, dass er einen kruden gesamtwirtschaftlichen Rahmen zugrunde gelegt hat.

Wirtschaftstheorie versus politische Realität

Meiner Ansicht nach könnte die MMT in der Theorie wohl funktionieren, wäre in der Praxis aber schwer umsetzbar, da ihr die Politik in die Quere kommen dürfte. Die Befürworter der MMT sagen, die Wirtschaftspolitik sollte darauf ausgerichtet sein, die Wirtschaft im Gleichgewicht zu halten: Dass das Haushaltsdefizit monetisiert werden kann, bedeute nicht, dass die Haushaltspolitik nicht umsichtig sein sollte. Folglich, so erklären sie, sollte die fiskalische Expansion gemäß MMT niemals so weit gehen, dass eine steigende Schuldenlast zu einer instabilen Geldnachfrage, zur Kapitalflucht, zur Währungsabwertung und zu Inflationsspiralen führt. Sofern die Fiskal- (und sonstige Wirtschafts-) Politik einem verantwortungsvollen Kurs folgt, fügt sich die MMT praktisch nahtlos in etablierte theoretische Rahmen ein – mit anderen Worten, sie ist nichts Neues.


Doch in der Realität wäre wahrscheinlich eine wenig umsichtige Wirtschaftspolitik die Folge, wenn man der Politik die Kontrolle über die Gelddruckmaschinen überließe, denn eine Fiskalpolitik mit Sinn und Verstand fällt nicht selten dem Wahlzyklus zum Opfer. In schwereren Fällen kann dies eine Abwertung der Währung zur Folge haben, zudem droht die Gefahr, dass die Währungshüter die Kontrolle über die Inflation verlieren. Die Geldnachfrage wird instabil.
 

Wir wissen nicht, wie hoch die Verschuldung sein muss, damit die negativen Effekte zu hoher Defizite eintreten. Die Erfahrungen aus Japan, wo die Staatsschulden zwar hoch, die Inflationsraten und Zinssätze aber seit zig Jahren niedrig sind, weisen darauf hin, dass dieser Schwellenwert recht hoch sein könnte (siehe Abb. 1). Dagegen deuten die jüngsten Ereignisse in Argentinien darauf hin, dass die Wirtschaft bereits unter einer sehr viel geringeren Verschuldung massiv leiden könnte (siehe Abb. 2). Die Erfahrung hat uns jedoch gelehrt, dass bei Erreichen des Schwellenwerts die Konjunkturaussichten sehr schnell sehr düster werden können. In der Praxis setzt die Umsetzung der MMT vermutlich die Existenz eines „wohlwollenden Sozialplaners“ voraus, der bereit ist, bei Bedarf – und unabhängig vom Wahlzyklus – auf die Haushaltsbremse zu treten. Fehlt ein solcher „Sozialplaner“, sollten Staatsausgaben nach Ansicht der Anhänger der MMT durch Gesetze und Vorschriften geregelt werden, die automatische Stabilisierungsmechanismen vorsehen (das heißt, die Politiker sollten gehalten sein, die Kontrolle über das Geld auf Technokraten zu übertragen). Ich habe allerdings ernsthafte Zweifel, dass irgendein Politiker dazu bereit wäre.


(Abb. 1) Steigende Schulden, stabile Währung

Verschuldung im Verhältnis zum BIP, Wechselkurs und Zentralbankbilanz in Japan, März 2000 bis März 2019

Stand: 31. März 2019

Abb. 1 Steigende Schulden, stabile Währung

Quellen: Bank of Japan und japanisches Kabinettsamt.


(Abb. 2) Peso-Krise

Verschuldung im Verhältnis zum BIP, Wechselkurs und Zentralbankbilanz in Argentinien, März 2006 bis März 2019

Stand: 31. März 2019

Abb. 2 Peso-Krise

 

Quellen: Instituto Nacional de Estadística y Censos und Banco Central de la República Argentina.


Der ewige Reiz einer besseren Zukunft

Doch letzten Endes kommt es nicht so sehr darauf an, ob die MMT funktioniert oder nicht – jedenfalls noch nicht. Viel wichtiger ist, dass der Einfluss der MMT wächst, vor allem unter Wählern, die traditionell populistische Politiker unterstützen. Weltweit glauben viele Menschen, die der Mittel- und der Arbeiterschicht zuzurechnen sind, dass die etablierten Parteien ihnen keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen können. Die Kernthese der MMT – Regierungen können Geld drucken, um das Leben von Otto Normalverbraucher zu verbessern – wird in der Bevölkerung Unterstützung finden, und mit genau dieser Unterstützung – nicht mit der wirtschaftlichen Realität – werden Wahlen gewonnen. Tatsächlich ist festzustellen, dass die MMT, je stärker sie von etablierten Parteien und traditionellen Ökonomen mit ihren Musterrahmen kritisiert wird, für viele Menschen, die sich in der Welt mit ihrer wachsenden Ungleichheit abgehängt fühlen, umso attraktiver wird. Die Populisten haben das verstanden und sollten davon in den nächsten Jahren profitieren können.
 

An anderer Stelle habe ich erklärt, dass die Folgen des Populismus für die Wirtschaft und die Finanzmärkte meiner Auffassung nach negativ sind. Fehlt ein oben erwähnter „wohlwollender Sozialplaner“, dürfte die MMT ein weiterer Pfeil im Köcher der Populisten werden. Die Versuchung wird groß sein, weiter Geld zu drucken, um verschwenderische Wahlversprechen zu finanzieren, und irgendwann wird dies zu einer extrem lockeren Fiskalpolitik führen. Letztlich wird dies in eine höhere Inflation, schwächere Währungen und höhere Zinssätze münden, die es insgesamt schwieriger statt einfacher machen werden, den sozialen und ökologischen Nutzen zu erzielen, den die politischen Unterstützer der MMT anstreben.
 

Vorläufig dürfte die MMT auf Wähler, die über den Mangel an wirtschaftlichem Fortschritt und die Zunahme der Ungleichheit frustriert sind, weiterhin großen Reiz ausüben und daher von Populisten, die nach Macht streben, auch weiterhin gepriesen werden. Analysten und Ökonomen könnten die MMT wie bislang zurückweisen, da sie ihres Erachtens nicht funktioniert, doch die Meinung der etablierten Parteien könnte letzten Endes irrelevant werden; die breitere politische Wirkung der MMT ist sehr viel bedeutender.


Darauf achten wir in nächster Zeit

Solange populistische Parteien den Status quo infrage stellen, dürfte die MMT ein hitzig diskutiertes Konzept bleiben. Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2020 wird diese Theorie mit ziemlicher Sicherheit eines der wichtigsten Diskussionsthemen bleiben, insbesondere dann, wenn Bernie Sanders für die Demokraten ins Rennen gehen sollte. In der Zwischenzeit werden wir die Wahlen in anderen Ländern, in denen die Populisten auf dem Vormarsch sind und Aspekte der MMT im Wahlkampf eine Rolle spielen könnten, sehr genau verfolgen.


201906‑860600

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