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Ein langer Handelskrieg zwischen den USA und China hätte keinen Gewinner

Nikolaj Schmidt , Internationaler Chefökonom

Seit Mitte Mai haben die Schwankungen an den Märkten wieder zugenommen, nachdem die Handelsgespräche zwischen den USA und China offenbar ins Stocken geraten sind. Sollte sich der aktuelle Streit zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt zu einem echten Handelskrieg ausweiten, würde dies nicht nur die USA und China, sondern die gesamte Weltwirtschaft belasten. Bei Handelskriegen gibt es langfristig keinen Gewinner.
 

Zölle haben für Volkswirtschaften vor allem zwei unmittelbare Folgen: Zum einen wirken sie wie normale Steuern auf Güter, zum anderen erzeugen sie Unsicherheit und beeinflussen damit die Entscheidungen von Haushalten und Unternehmen. Wir wollen diese beiden Effekte im Folgenden genauer betrachten.

Steuern auf Güter erhöhen zwar die Steuereinnahmen, sie bewirken aber auch eine Fehlallokation von Ressourcen.

Steuern auf Güter erhöhen zwar die Steuereinnahmen, sie bewirken aber auch eine Fehlallokation von Ressourcen, was zu einem ineffizienten gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht führt. Im Fachjargon der Volkswirte würde von einem „Wohlfahrtsverlust“ durch Steuern die Rede sein. Da Zölle die Preise von Konsumgütern erhöhen, verringert sich die Kaufkraft der Haushalte, sodass weniger Waren gekauft werden. Gleichzeitig versuchen Haushalte und Unternehmen, mit Zöllen belegte Güter durch andere zu ersetzen. Der letztlich erworbene Warenkorb wird durch die Steuern verzerrt und ist somit aus Sicht der Verbraucher nicht die erste Wahl.
 

Wenn Präsident Donald Trump auf Twitter den Sieg der USA im Handelskrieg ankündigt, geht er davon aus, dass die amerikanischen Haushalte und Unternehmen künftig mehr im Inland produzierte Waren kaufen und dass dadurch neue Arbeitsplätze entstehen werden. Ich wäre da skeptisch. Wahrscheinlicher ist aus meiner Sicht, dass amerikanische Haushalte und Unternehmen statt auf inländische Güter eher auf Importe aus Vietnam oder Mexiko ausweichen würden. In dem Fall würden nach China abgewanderte Arbeitsplätze nicht in die USA zurückkehren, bevor der Produktionsprozess dort vollständig automatisiert worden ist. In den USA hergestellte Waren wären nur dann eine sinnvolle Alternative, wenn die amerikanische Wirtschaft nach China der kostengünstigste Hersteller wäre (was sie nicht ist) oder wenn die USA über die erforderlichen Produktionsstätten verfügen würde, um bisher aus China importierte elektronische Geräte selbst herzustellen. Solange kein Handelsabkommen geschlossen wurde, dürften US-Unternehmen jedoch kaum Produktionsanlagen im Inland errichten, um diese potenzielle Nachfrage zu decken.

„Die Folgen von Unsicherheit belasten eine Volkswirtschaft ganz ähnlich wie eine Straffung der Geldpolitik.

Zölle mindern den Konsum aber auch, weil sie Unsicherheit schaffen, die Haushalte und Unternehmen dazu veranlasst, geplante Käufe und Investitionen in die Zukunft zu verschieben. Die Folgen von Unsicherheit belasten eine Volkswirtschaft ganz ähnlich wie eine Straffung der Geldpolitik (die Präsident Trump gerade vermeiden will). Da die USA und China die beiden größten Volkswirtschaften der Welt sind, wird jede Unsicherheit, die durch einen anhaltenden Handelskrieg zwischen den beiden Ländern entsteht, die Weltwirtschaft als Ganze belasten. Die wenigen Länder, die davon möglicherweise profitieren würden, sind solche, die wie Vietnam und Mexiko kostengünstige Alternativen für die durch Zölle verteuerten chinesischen Waren liefern können.
 

Handelskriege wirken sich nicht nur auf den Konsum aus, sondern haben auch Auswirkungen auf die Inflation, die Politik der Zentralbanken und die Wechselkurse. Da Zölle im Wesentlichen wie Verbrauchssteuererhöhungen wirken, dürften sie zunächst eine Erhöhung der Gesamtinflation auslösen, letztlich aber wie jede andere Form der fiskalischen Straffung das Wirtschaftswachstum bremsen. Dadurch vergrößern sich die „Output Gaps“ (Differenzen zwischen tatsächlicher und potenzieller Produktion), was wiederum die Kerninflation senken würde. In dem Maße, wie Haushalte und Konsumenten in den USA Waren aus China durch andere Güter ersetzen, dürfte China versuchen, seine überschüssigen Kapazitäten in andere Länder als die USA zu exportieren. Auf diese Weise würde der drastische Rückgang der Inflation infolge der Zölle auf den Rest der Welt übertragen werden.


Die Auswirkungen der Zölle auf die Politik der Zentralbanken werden von Region zu Region unterschiedlich sein. Für die Notenbanken in Industrieländern sind die geldpolitischen Folgen von Zöllen recht eindeutig: Zölle bremsen das Wachstum und dämpfen die Kerninflation, sodass eine expansivere Geldpolitik die angemessene Reaktion darstellt. In den Schwellenländern dürfte die zunehmende Unsicherheit dagegen eher Kapitalabflüsse auslösen, die das Wachstum schmälern und tendenziell zu einem Anstieg der Inflation führen. Um Kapital im Land zu halten, könnten sich die Zentralbanken dieser Länder genötigt sehen, mit einer strafferen Geldpolitik zu reagieren.
 

Die Auswirkungen von Zöllen auf die Wechselkurse sind komplex und hängen von der Elastizität der Nachfrage ab. Die Währung des Landes, dessen „Output Gap“ durch die Zölle am stärksten anwächst, dürfte dabei am deutlichsten abwerten. Im gegenwärtigen Umfeld hätte dies zur Folge, dass die Währungen der Schwellenländer gegenüber dem US-Dollar an Wert verlieren, während dieser gegenüber den Währungen der anderen großen Industrieländer nachgeben würde.



Angesichts der insgesamt negativen Auswirkungen von Zöllen sollte man davon ausgehen können, dass letztlich Vernunft einkehren wird und die USA und China eine Situation vermeiden, die beiden Volkswirtschaften schaden würde. Donald Trump möchte jedoch im nächsten Jahr als US-Präsident im Amt bestätigt werden und könnte zu dem Schluss kommen, dass der politische Nutzen einer harten Auseinandersetzung mit China die politischen Kosten eines schwächeren Wirtschaftswachstums übersteigt. Tatsächlich verzeichnen populistische Parteien weltweit wachsenden Zulauf, da die wirtschaftliche Ungleichheit wächst und viele Wähler die Folgen der Globalisierung mit Sorge betrachten. Zölle mögen aus wirtschaftlicher Sicht nicht sehr sinnvoll sein, doch Wahlen werden mit politischen und nicht mit wirtschaftlichen Argumenten gewonnen. Das Thema Zölle wird daher wohl nicht so bald aus den Schlagzeilen verschwinden.


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