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Rezessionsangst dürfte übertrieben sein

Nikolaj Schmidt , Internationaler Chefökonom

Erwartet wird ein schwächeres Wachstum, gefolgt von einer Erholung

In letzter Zeit wurde aufgeregt darüber diskutiert, ob sich die Weltwirtschaft in einer „späten Zyklusphase“ befindet oder nicht – und ob mithin eine globale Rezession bevorsteht. Ich denke nicht, dass wir auf eine Rezession zusteuern, bin aber – anders als andere – auch nicht der Meinung, dass wir kurz vor einer Erholung stehen. Stattdessen rechne ich mit einer Fortdauer der Wachstumsschwäche für weitere sechs Monate, worauf vermutlich eine von den Investitionen getriebene Erholung folgen wird.

 

Das weltweite Wachstum verliert seit etwa zwölf Monaten an Schwung. Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe. Erstens geht China massiv gegen die Verschuldung vor, was das Kreditwachstum in dem Land bremst – und wenn das Kreditwachstum in China schwächelt, verlangsamt sich auch das Wachstum im Rest der Welt (nach Angaben des IWF hat China einen Anteil von rund 25% an der weltweiten Kapitalbildung). Zweitens hat die politische Unsicherheit aufgrund des Aufstiegs populistischer Parteien und der Handelskonflikte zugenommen. Unternehmen, die vor der Entscheidung stehen, ob sie eine Milliarde US-Dollar investieren sollen, möchten gewöhnlich wissen, in was für einem geschäftlichen Umfeld dies geschehen würde. Herrscht darüber keine Klarheit, werden sie Investitionen in der Regel zurückstellen. Das hat einen dämpfenden Effekt auf das Wachstum.

 

Der dritte Faktor, der das globale Wachstum belastet hat, ist die Straffung der Geldpolitik in den USA. Ein starker Dollar bedeutet, dass Kapital aus den Peripherie- in die Kernländer fließt, und das ist nie gut für das globale BIP.

Ich glaube, dass die drei Ursachen für das schwächere Wachstum noch immer wirksam sind und das Wachstum daher noch wenigstens in den nächsten sechs Monaten weiter an Fahrt verlieren wird. Gleichzeitig ergreifen die geld- und fiskalpolitischen Entscheidungsträger jedoch Maßnahmen, um den Abschwung aufzuhalten. Ich glaube insgesamt nicht, dass wir auf eine Rezession zusteuern, denn die Bedingungen, die einer solchen Entwicklung gewöhnlich vorausgehen, sind nicht gegeben.


Vor einer Rezession bestehen gewöhnlich größere makroökonomische Ungleichgewichte, etwa in Form eines übermäßigen Konsums oder eines Booms bei den Investitionen. In der Regel sind ein hohes Leistungsbilanzdefizit, eine hohe Verschuldung und zuweilen ein ungezügelter Anstieg der Hauspreise die Folge. Doch in den letzten Jahren gab es keine derartigen Exzesse, die so große makroökonomische Ungleichgewichte verursacht hätten, dass eine „reinigende“ Rezession notwendig wäre. Sicher, die Verschuldung der US-Unternehmen steigt und der Lohndruck wächst, was ein Risiko für die Gewinnmargen und damit auch für die Investitionen darstellt. Diese Faktoren könnten die Wurzel der nächsten Rezession sein, doch sie genügen meiner Ansicht nach nicht, um schon jetzt eine Rezession auszulösen.



Wenn ich mit meiner Einschätzung richtig liege, dass wir nicht unmittelbar vor einer Rezession stehen, könnte es im weiteren Verlauf dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres zu einer Erholung kommen. Die US-Notenbank (Fed) wird die Zinsen höchstwahrscheinlich stabil halten. Es ist aber möglich, dass sie das nachlassende Wachstum für eine Lockerung mit zwei bis drei Zinssenkungen in der Zyklusmitte zum Anlass nimmt, um die Erholung zu unterstützen. Wegen der schwachen Wachstumsaussichten in der Eurozone rechnen wir nicht mit einer baldigen Zinserhöhung der EZB. In China werden die Behörden unserer Einschätzung nach weiterhin alles Nötige tun, um die gesetzten Wachstumsziele zu erreichen. Peking hat in den letzten Jahren zwar die Entstehung makroökonomischer Ungleichgewichte zugelassen, doch die Behörden können noch an genügend Stellschrauben drehen, um die Wirtschaft im erforderlichen Maße zu unterstützen – tatsächlich verfügen sie nach dem Schuldenabbau der letzten 18 Monate sogar über mehr Munition.

Ich glaube, dass die drei Ursachen für das schwächere Wachstum noch immer wirksam sind und das Wachstum daher noch wenigstens in den nächsten sechs Monaten weiter an Fahrt verlieren wird.

Die geld- und fiskalpolitische Lockerung, die in den drei Hauptregionen eingeleitet worden ist, dürfte unter dem Strich genügen, um eine Erholung zu unterstützen. Eine Verringerung der globalen Unsicherheit, etwa durch eine schrittweise Beendigung des Handelskriegs, wäre ebenfalls hilfreich.

 

Bis es zur Erholung kommt, erwarten wir vor dem Hintergrund des trüben Konjunkturumfelds eine eher schwache Aktienperformance. Die Zinsen dürften niedrig bleiben, allerdings könnten sich Chancen an den Anleihemärkten von Ländern eröffnen, in denen Zinssenkungspotenzial besteht, wie beispielsweise in Südafrika, Mexiko und Russland. Brasilien hat das Potenzial für ein kräftiges Wachstum ohne beschleunigte Inflation.
 

Die Währungen der Schwellenländer erscheinen recht attraktiv. Das gilt besonders für jene lateinamerikanischen Währungen, die durch die Hausse an den Metallmärkten Auftrieb erhalten. Ein anhaltend schwaches Wachstum in Europa würde für die Schwellenländer-Währungen indes ein Risiko darstellen. Billige Währungen von Ländern wie Argentinien und der Türkei, die sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden, bieten Potenzial für erhebliche Zinsvorteile, sind wegen der drohenden Inflation jedoch auch nicht frei von Risiken.

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