INVESTMENT VIEWPOINT

Countdown für den Brexit

Quentin Fitzsimmons , Portfolio Manager

Für den 29. März ist der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) geplant. Während dieses Datum immer näher rückt, sind nach wie vor mehrere Lösungen denkbar – sowie eine Reihe von Wegen, die zu diesen Lösungen führen.
 

In dieser ersten Ausgabe einer wöchentlichen Serie mit aktuellen Einschätzungen gibt Quentin Fitzsimmons, Portfoliomanager für Anleihen und Brexit-Spezialist von T. Rowe Price, einen Überblick über den aktuellen Stand der Dinge.
 

Welche Szenarien sind derzeit denkbar?

Aktuell lassen sich vier Hauptszenarien unterscheiden:
 

Von Theresa May ausgehandeltes Abkommen: Unter der Führung von Premierministerin Theresa May hat die britische Regierung mit der EU ein Abkommen ausgehandelt, das die Bedingungen für den Austritt Großbritanniens festlegt, einschließlich der finanziellen Verpflichtungen, der Bürgerrechte und der Regelung der physischen Grenze zwischen Irland (Mitglied der EU) und Nordirland (Teil des Vereinigten Königreichs). Das Abkommen sieht eine Übergangsfrist (bis Dezember 2020) vor, die es erlaubt, die Einzelheiten der neuen Beziehung abschließend zu regeln und die Menschen und Unternehmen auf die Umstellung vorzubereiten. Darüber hinaus enthält es einige unverbindliche Leitlinien für längerfristige Regelungen in den Bereichen Handel, Verteidigung und Sicherheit.
 

Das Abkommen muss noch vom britischen Parlament genehmigt werden. Bisher ist es Premierministerin May nicht gelungen, sich eine parlamentarische Mehrheit für ihre Vereinbarungen zu sichern. In erster Linie (aber nicht ausschließlich) ist dies auf Bedenken hinsichtlich der geplanten Grenzregelung mit Irland zurückzuführen, die allgemein als „Backstop“ bezeichnet wird.
 

Eine Klausel des Abkommens garantiert eine offene Grenze zwischen Irland und Nordirland, selbst wenn es in den Handelsverhandlungen nicht gelingt, die Unterschiede in den Zollvorschriften und Normen der beiden Länder zu beseitigen. Einige Mitglieder der britischen Regierung befürchten jedoch, dass diese Regelung Großbritannien auf unbestimmte Zeit dazu verpflichten würde, in der Zollunion mit der EU zu verbleiben, was dem ursprünglichen Ziel des Brexit zuwiderliefe.
 

Nachdem der erste Versuch einer Ratifizierung durch das Parlament am 15. Januar scheiterte, wird an Änderungen des Abkommens gearbeitet. Auch ein „modifizierter May-Deal“ bedarf der Verabschiedung durch das Parlament.
 

Brexit ohne Abkommen: Falls es der britischen Regierung nicht gelingt, ein Abkommen durch das Parlament zu bringen, verlässt Großbritannien die EU am 29. März möglicherweise ohne Abkommen und somit auch ohne eine Übergangsfrist, in der sich Bürger und Unternehmen auf die Umstellung vorbereiten könnten. Diese Möglichkeit wird mitunter als „harter“ oder „ungeordneter“ Brexit, „Cliffe Edge“- oder „Crash out“-Szenario bezeichnet. In einem solchen Fall würde sich der Handel mit der EU unverzüglich nach den Regeln der Welthandelsorganisation richten, und auf einige Waren wären Zölle fällig.
 

Verlängerung von Artikel 50: Artikel 50 ist eine Klausel des Vertrags über die Europäische Union, auf deren Basis der 29. März als rechtsverbindliches Datum für den EU-Austritt festgelegt wurde. Die Regierung könnte versuchen, die Frist gemäß Artikel 50 zu verlängern und das Austrittsdatum entsprechend zu verschieben. Dies hätte jedoch kein Ende der politischen Pattsituation zur Folge, sondern würde lediglich den Verhandlungsspielraum für das Abkommen erweitern. Zudem müsste die EU der Verlängerung zustimmen.
 

Vorgezogene Neuwahlen: Falls es der Regierung nicht gelingt, ein Abkommen im Parlament verabschieden zu lassen, könnte Premierministerin May vorgezogene Neuwahlen einberufen, um der regierenden Konservativen Partei eine größere Mehrheit zu sichern und dadurch eine Verabschiedung zu erleichtern. Der jüngste Rücktritt von Parlamentsmitgliedern – darunter sowohl Abgeordnete der Konservativen als auch der oppositionellen Labour-Partei – hat die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario erhöht. Die Frist gemäß Artikel 50 müsste im Fall von Neuwahlen verlängert werden.
 

Bisher ist es Premierministerin May nicht gelungen, sich eine parlamentarische Mehrheit für ihre Vereinbarungen zu sichern.

Was hat sich in der letzten Woche geändert?

Premierministerin May arbeitet darauf hin, die EU zu einer Überarbeitung der Bedingungen für einen irischen „Backstop“ zu bewegen und das Abkommen über den EU-Austritt neu zu verhandeln. Dabei strebt sie eine Lösung an, die in ihrer Partei auf breite Zustimmung stößt und eine Verabschiedung des Abkommens im Parlament ermöglicht. Ob Änderungen an einem rechtsverbindlichen Vertrag möglich sind, ist allerdings mehr als zweifelhaft.

Welche Wahrscheinlichkeit ordnet der Markt den verschiedenen Szenarien nach den Ereignissen der letzten Woche zu?

Von Theresa May ausgehandeltes Abkommen

35%

Brexit ohne Abkommen

30%

Verlängerung von Artikel 50

20%

Vorgezogene Neuwahlen

15%


Quelle: T. Rowe Price; Stand: 21. Februar 2019.

Die Unsicherheit, die ein ungeordneter EU-Austritt zur Folge hätte, dürfte zu Marktvolatilität führen.

Wie bewerten Sie die möglichen wirtschaftlichen Folgen der verschiedenen Szenarien?

Von Theresa May ausgehandeltes Abkommen: Ein modifiziertes Abkommen, das von der Regierung unterstützt (und im Parlament verabschiedet) wird, gilt als vergleichsweise beherrschbares Szenario, in dem sich unvorhersehbare und drastische Auswirkungen auf die britische Wirtschaft deutlich reduzieren würden.
 

Brexit ohne Abkommen: Die Aussicht auf einen EU-Austritt Großbritanniens ohne Übergangsabkommen hat zahlreiche Warnungen laut werden lassen. Einige Wirtschaftsvertreter warnten vor einer mangelhaften Vorbereitung und möglichen Auswirkungen auf Handel und Investitionen – darunter der Arbeitgeberverband CBI (Confederation of British Industry) sowie Automobilhersteller und Lebensmittelexporteure. Die Bank of England (BoE) hält die britische Wirtschaft im Fall eines No-Deal-Brexit für ungenügend vorbereitet und rechnet mit negativen Folgen für das Wirtschaftswachstum. Vor Kurzem hat die BoE ihre Wachstumsprognose für 2019 von 1,7% auf 1,3% gesenkt, was darauf hindeutet, dass der Umfang möglicher Negativeffekte durch den Brexit zugenommen hat. Im Fall eines Austritts ohne Abkommen rechnen wir unmittelbar mit einer Phase hoher Unsicherheit. Allerdings gehen wir davon aus, dass sich die betreffenden Probleme schneller lösen lassen, als von den meisten Marktteilnehmern befürchtet wird.
 

Verlängerung von Artikel 50: Eine Verschiebung des Brexit ohne Aussicht auf eine klare Lösung würde auch die derzeitige Phase wirtschaftlicher Unsicherheit verlängern und Unternehmen die langfristige Planung und Kapitalbildung erschweren.
 

Vorgezogene Neuwahlen: Vorgezogene Neuwahlen setzen eine Verlängerung der Frist nach Artikel 50 voraus. Dieses Szenario verlängert die Unsicherheit für Unternehmen, schränkt die Investitionstätigkeit ein und schwächt dadurch letztlich die Wirtschaft.

Im Fall eines Austritts ohne Abkommen rechnen wir unmittelbar mit einer Phase hoher Unsicherheit. Allerdings gehen wir davon aus, dass sich die betreffenden Probleme schneller lösen lassen, als von den meisten Marktteilnehmern befürchtet wird.

Welche Auswirkungen hätte ein ungeordneter Brexit voraussichtlich auf die Finanzmärkte?

Die Unsicherheit, die ein ungeordneter EU-Austritt zur Folge hätte, dürfte zu Marktvolatilität führen. In diesem Szenario rechnen wir derzeit mit folgenden Entwicklungen:
 

Anleihen: Ein ungeordneter Brexit würde die Unsicherheit in Bezug auf die britische Wirtschaft erhöhen. Die Bank of England würde daher wahrscheinlich eine expansivere Haltung einnehmen und möglicherweise die Zinsen senken. In diesem Fall dürfte die Renditekurve einen steileren Verlauf annehmen, da die Zinsen am kurzen Kurvenende auf dem aktuellen Niveau verharren, während die Renditen längerfristiger Anleihen angesichts der Unsicherheit über die künftige Wirtschaftsentwicklung steigen würden. Ein „harter“ Brexit würde auch die Kreditmärkte belasten. Dies könnte unserer Ansicht nach aber Gelegenheiten zum Kauf von Unternehmensanleihen schaffen, deren Bewertungen im Verhältnis zu ihrer fundamentalen Qualität zu stark gefallen sind.
 

Währung: Das Pfund Sterling hat für die britische Wirtschaft eine Pufferwirkung und würde sich daher im Fall eines ungeordneten Brexit wahrscheinlich abschwächen. Das Ausmaß der möglichen Abwertung hängt davon ab, wie rasch das Vertrauen in die Wirtschaft wiederhergestellt wird. Wir gehen davon aus, dass sich die britische Wirtschaft unerwartet schnell erholen könnte, sodass eine mögliche Schwäche des Pfunds und der britischen Finanzmärkte unter Umständen von kurzer Dauer ist.
 

Aktien: Der britische Aktienmarkt hat bereits Einbußen erlitten. Theoretisch erscheinen britische Aktien im Vergleich zu vielen internationalen Märkten attraktiv. Ein harter Brexit dürfte zu einer größeren Risikoaversion führen, zumal die Besorgnis der Anleger angesichts der internationalen Handelsspannungen und der Wachstumsabkühlung in China bereits wächst.
 

Darauf achten wir in nächster Zeit

Wie bereits erwähnt, versucht Premierministerin May derzeit, die Backstop-Regelungen für die irische Grenze zu überarbeiten, um sich die Zustimmung ihrer Partei zu sichern und das Abkommen im Parlament verabschieden zu können. Die Verhandlungen mit der EU werden fortgesetzt, und May hat zugesagt, dass das britische Parlament spätestens am 12. März über das Abkommen abstimmen wird.
 

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