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Juli 2020 / INVESTMENT INSIGHTS

Brexit-Countdown: die Frist für ein Handelsabkommen naht

Weiterhin erhebliche Differenzen zwischen beiden Seiten

Formal hat Großbritannien die Europäische Union (EU) am 31. Januar verlassen, doch damit ist die ganze Geschichte längst nicht vorbei. Bis Ende dieses Jahres gilt eine Brexit-Übergangsphase. In dieser Zeit ist Großbritannien zwar kein Mitglied der EU mehr, ist aber weiterhin an die EU-Vorschriften und -Regelungen gebunden und ist nach wie vor Mitglied des Binnenmarkts und der Zollunion.

Die Verhandlungen, wie die Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und der EU in der Zeit nach dem Übergangszeitraum ausgestaltet sein sollen, sind durch die Coronavirus-Pandemie massiv ins Stocken geraten. Anfang Juni lehnte es Großbritannien allerdings ab, eine Verlängerung des Übergangszeitraums zu beantragen, so dass der 31. Dezember als Stichtag steht. Am 29. Juni fanden endlich wieder erste persönliche Treffen statt, bei denen über das Handelsabkommen für die Zeit nach dem Brexit gesprochen werden sollte. Vertreter beider Seiten erklärten, dass noch viel Arbeit vor ihnen liege, bis ein Abkommen unter Dach und Fach sei.

In ihrem neunten Update geben Quentin Fitzsimmons und Tomasz Wieladek, vor Ort für T. Rowe Price als Brexit-Experten tätig, einen Überblick über den aktuellen Stand der Dinge.

Was sind die möglichen Szenarien?

Für die Zeit nach dem Übergangszeitraum gibt es unserer Ansicht nach im Wesentlichen vier mögliche Szenarien:

  1. Ein umfassendes Handelsabkommen
  2. Ein Mini-Abkommen, das den Handel in einigen Bereichen regelt, andere aber zunächst außen vor lässt
  3. Einen Austritt ohne Abkommen (No-Deal-Brexit)
  4. Eine formale Verlängerung des Übergangszeitraums

Was ist seit unserem letzten Update geschehen?

Am 11. März, also genau an jenem Tag, an dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ausbruch des Coronavirus zu einer globalen Pandemie erklärte, legte der britische Finanzminister Rishi Sunak für die regierende Konservative Partei das erste Budget seit dem Wahlsieg im Dezember vor. In einem mutigen Schritt drehte Sunak die Geldhähne weit auf – mit einem Paket über 30 Mrd. GBP. Davon sollten 18 Mrd. GBP dazu dienen, Premierminister Boris Johnsons Wahlversprechen wahrzumachen, die britische Wirtschaft für die Zeit nach dem Brexit zu stärken, und 12 Mrd. GBP sollten konkret in Maßnahmen gegen das Coronavirus fließen.

... die Aussichten auf eine Einigung der EU und Großbritanniens auf ein umfassendes Abkommen, das alle Waren und Dienstleistungen abdeckt, scheint in weite Ferne gerückt zu sein....

- Quentin Fitzsimmons, Fixed Income Portfolio Manager

Nur eine Woche später kündigte Sunak zusätzlich ein 330 Mrd. GBP schweres Kreditprogramm an, mit dem die Regierung die britische Wirtschaft vor den Folgen des Coronavirus schützen wollte. Er versprach zudem, falls nötig noch mehr zu tun. Das Volumen des Rettungsfonds entsprach 15% des britischen Bruttoinlandsprodukts und katapultierte die Verschuldung des Landes auf die höchsten Niveaus seit dem zweiten Weltkrieg.

Bis zum Ende des Übergangszeitraums ein Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU auszuhandeln war schon vor dem Ausbruch des Coronavirus eine gewaltige Aufgabe. Dass die Pandemie nun die globale Wirtschaft so schwer erschüttert, macht dies alles noch schwieriger. Nach der Aufnahme der formalen Gespräche im März fanden per Videokonferenz weitere Verhandlungsrunden statt, ehe die beiden Seiten Ende Juni erstmals wieder zu persönlichen Gesprächen zusammenkamen.

Konkrete Fortschritte scheinen bislang Mangelware zu sein, obwohl beide Seiten erklärten, ein Abkommen müsse wohl bis Oktober stehen, damit überhaupt eine gewisse Chance besteht, dass es bis zum Jahresende ratifiziert wird. Nach tagelangen persönlichen Gesprächen Anfang Juli erklärte der britische Chefunterhändler David Frost: „Die Verhandlungen waren umfassend und zielführend. Sie haben aber auch die erheblichen Differenzen aufgedeckt, die in einigen wichtigen Punkten noch immer zwischen uns bestehen.“

Dazu zählen etwa das Beharren der EU, dass „gerechte, für alle gleiche Spielregeln“ in Bereichen wie Staatshilfen, Umweltschutz und Arbeitnehmerrechte auch nach dem Brexit weiterhin gelten müssen, damit dass britische Unternehmen keine unfairen Vorteile gegenüber der EU-Konkurrenz erhalten. Weitere Streitpunkte sind die Fischerei (hier fordert die EU weiterhin Zugang zu britischen Gewässern, während Großbritannien mehr Kontrolle will) und das Finanzwesen (Großbritannien will auch künftig Zugang zum EU-Markt haben, während die EU strenge Bedingungen anstrebt).
 

Für wie wahrscheinlich halten Sie, ausgehend von den Ereignissen der letzten Wochen, die jeweiligen Ergebnisse?

Die Zeit wird langsam knapp, und aufgrund der genannten Streitpunkte die Aussichten auf eine Einigung der EU und Großbritanniens auf ein umfassendes Abkommen, das alle Waren und Dienstleistungen abdeckt, scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Zugleich besteht die britische Regierung darauf, dass der Übergangszeitraum nicht über den 31. Dezember hinaus verlängert wird. Dass sie ihre Meinung noch ändert, ist zwar möglich, aufgrund der politischen Kosten einer Verzögerung bei der Umsetzung des Brexit aber eher unwahrscheinlich.

Ein No-Deal-Brexit war zu keinem Zeitpunkt ein idealer Ausgang und ist seit dem Coronavirus-Ausbruch noch unattraktiver geworden. Das gilt speziell für die EU, da Länder wie Spanien und Italien, die die Pandemie besonders hart getroffen hat, auf britische Touristen dringend angewiesen sind. Ein No-Deal-Brexit hätte für Großbritannien zwar nach wie vor viel negativere Auswirkungen als für die EU, doch das Coronavirus hat die Position Großbritanniens vermutlich ein wenig gestärkt.

Ebenso wie Hinweise, dass US-Präsident Donald Trump unbedingt ein Handelsabkommen mit Großbritannien schließen will. Die EU wird in den Verhandlungen schwerlich Druck auf Boris Johnson ausüben können, wenn dieser sich der Unterstützung des Staatschefs der weltweit größten Volkswirtschaft gewiss sein kann. Dies könnte sich aber ändern, sollte Trump die Wahl im November verlieren.

Unserer Ansicht nach wird es höchstwahrscheinlich ein Mini-Abkommen geben, das den Handel mit einigen Waren und Dienstleistungen regelt, Streitpunkte wie Fischerei und Finanzwesen aber außen vor lässt und damit weitere Verhandlungen nötig macht. Dann könnte die britische Regierung sagen, sie habe den Brexit wie versprochen durchgezogen. Beide Seiten würden sich zudem etwas Luft verschaffen, um über problematischere Bereiche zu verhandeln.

Die jeweilige Wahrscheinlichkeit der einzelnen Ausgänge schätzen wir aktuell wie folgt ein:

Umfassendes Abkommen, das alle Waren und Dienstleistungen abdeckt
10%
Mini-Abkommen, das einige Bereiche abdeckt, andere aber vorerst außen vor lässt65%
Formale Verlängerung des Übergangszeitraums5%
No‑Deal-Brexit20%

 

...die Währung ist nach wie vor unterbewertet und dürfte sich irgendwann erholen.

- Tomasz Wieladek, International Economist

Wie sind die Aussichten für britische Finanzanlagen aktuell zu beurteilen?

Aktien: Die Performance britischer Aktien wird seit Februar vom Coronavirus bestimmt. Doch während sich der S&P 500 Index erholt hat und nur noch knapp 10% unter dem Vorkrisenniveau liegt, notiert der FTSE 100 Index noch immer fast 20% tiefer als vor der Krise. Dadurch besitzen britische Aktien erhebliches Erholungspotenzial, wofür auch die von der Regierung gegebenen Impulse sprechen. Wahrscheinlich wird sich der britische Aktienmarkt daher in den nächsten Monaten gut entwickeln, wenn die Angst rund um das Coronavirus abnimmt und es Anzeichen für Fortschritte bei den Brexit-Verhandlungen gibt.

Anleihen: Prognosen für den britischen Anleihemarkt sind schwieriger. Die Renditen britischer Staatsanleihen sind trotz der enormen Zunahme der Emissionen noch immer extrem niedrig. Die enormen Schulden, die Großbritannien zur Bewältigung der Coronavirus-Krise aufgenommen hat, bereiten den Anlegern also offenbar noch keine größeren Sorgen. Die Wirtschaft könnte im Herbst allerdings unter Druck geraten, wenn die staatlichen Maßnahmen zur Förderung der Beschäftigung und der Wirtschaft auslaufen. Gleichzeitig hält die Regierung offenkundig entschlossen an ihren ehrgeizigen Ausgabenplänen für die Zeit nach dem Brexit fest. Dies geht mit einer beachtlichen Schuldenaufnahme einher in einer Zeit, in der die Konjunktur möglicherweise sehr labil ist. Dies könnte das Vertrauen der Anleger in britische Staatsanleihen ankratzen, was wiederum die Renditen höher treiben würde.

Britisches Pfund: Die Belastungen durch die Coronavirus-Krise waren für das britische Pfund ähnlich groß wie für Aktien. Schließlich hat das Virus Großbritannien von allen Ländern in Europa am härtesten getroffen. Deshalb die Währung ist nach wie vor unterbewertet und dürfte sich irgendwann erholen. Wie schnell dies geschieht, wird davon abhängen, wie zügig die Regierung das Virus in den Griff bekommt und in welche Richtung sich die Handelsgespräche zwischen Großbritannien und der EU entwickeln. Bei positiven Nachrichten in diesen beiden Bereichen dürfte das britische Pfund aufwerten; bei einer zweiten Infektionswelle und / oder einem nachteiligen Verlauf oder gar Scheitern der Handelsgespräche wird die Erholung der Währung dagegen länger auf sich warten lassen. Dass sich die Coronavirus-Krise in den USA wohl erst verschlimmern wird, bevor sich die Lage letztlich bessert, dürfte das britische Pfund gegenüber dem US-Dollar stärken.
 

Darauf achten wir in nächster Zeit

Die Verhandlungen zwischen Großbritannien und der EU werden wir sehr aufmerksam verfolgen und auf Hinweise achten, wie groß die erzielten Fortschritte sind. Beide Seiten haben zwar erklärt, dass eine Vereinbarung bis Oktober erzielt werden müsse, um rechtzeitig für eine Umsetzung am 1. Januar ratifiziert werden zu können. Tatsächlich könnten sich die Gespräche aber bis zur letzten Sekunde hinziehen. Die erzielte Vereinbarung könnte dann vorläufig sein, bis sie später irgendwann durch ein Gesetz gestützt wird. Dass beide Seiten bei den Verhandlungen aufs Ganze gehen, ist sehr wahrscheinlich. Daher ist es gut möglich, dass die Gespräche bis Ende Dezember dauern.

 

 

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