Sollten Anleger auf Mexikos „New Deal“ setzen?

Aaron Gifford , Kreditanalyst

Wer ist der wahre Andrés Manuel López Obrador (AMLO)? Der Mann des Volkes, der verspricht, dem „offenkundigen Versagen und der Verderbtheit der neoliberalen Politik“ ein Ende zu setzen, oder der fiskalpolitisch verantwortungsvolle Staatsmann, der einen „New Deal“ für Mexiko verspricht? Die Antwort auf diese Frage könnte Hinweise auf den Kurs liefern, den AMLO in den sechs Jahren seiner Präsidentschaft einschlagen wird.
 

Fest steht, dass seine Wahl im Juli einen Bruch mit der Vergangenheit darstellt. AMLO kam im Sog der weit verbreiteten Unzufriedenheit mit Mexikos politischer Elite an die Macht. Um seine Versprechen, Arbeitsplätze zu schaffen und soziale Fortschritte zu erzielen, halten zu können, braucht er ein unternehmensfreundliches Umfeld, das weitere Investitionen in eine Volkswirtschaft begünstigt, die seit Jahren auf der Stelle tritt. Dem stehen jedoch einige seiner eher populistischen Maßnahmen gegenüber – so hat er beispielsweise den Neubau eines internationalen Flughafens für USD 13 Mrd. gestoppt, noch bevor er offiziell im Amt war. Dabei stützte er sich auf eine inoffizielle Volksbefragung, an der weniger als 1% der Wahlberechtigten teilnahmen.
 

Der Präsident wagt einen schwierigen Drahtseilakt – bei dem er nicht alle Trümpfe in der Hand hat. Doch zunächst einmal spricht vieles für ihn. Seine Beliebtheitswerte sind in die Höhe geschnellt (Abbildung 1), insbesondere nach dem sehr frühen, entschiedenen Vorgehen gegen den weit verbreiteten Benzindiebstahl, der die nationale Ölgesellschaft Pemex[1] rund USD 3 Mrd. pro Jahr kostet. Die Morena-Bewegung des Präsidenten und ihre Bündnispartner kontrollieren zudem beide Häuser des Kongresses.
 

Die Märkte blicken mit Wohlwollen auf den umsichtigen Haushalt für 2019 und Initiativen, welche die Stärke und Tiefe des Finanzsektors und der lokalen Kapitalmärkte verbessern sollen. Nach Veröffentlichung der Meldung legten mexikanische Aktien, Anleihen und der Peso kräftig zu. Mit der Überzeichnung einer auf US-Dollar lautenden Staatsanleihe über USD 2 Mrd., die Ende Januar begeben wurde, gewährten die Anleger der neuen Regierung einen weiteren Vertrauensvorschuss.

[1] Die bezeichneten und beschriebenen Wertpapiere geben nicht alle für das Portfolio gekauften, verkauften oder empfohlenen Wertpapiere wieder, und es dürfen keine Rückschlüsse darauf gezogen werden, dass die bezeichneten und diskutierten Wertpapiere rentabel waren oder sein werden.

 

Abbildung 1: AMLOs Zustimmungswerte auf hohen Niveaus

Quelle: El Financiero, 14. Januar 2019
 

Auf internationaler Ebene steht der Wind für Mexiko ebenfalls günstig. Der schwächere US-Dollar und die Zinserhöhungspause der US-Notenbank (Fed) dürften sich in weniger Druck auf der mexikanischen Zentralbank Banxico äußern und könnten den Weg für eine weniger restriktive Geldpolitik in den nächsten Monaten ebnen.

Auch wenn dies für ein Erdöl produzierendes Land paradox anmutet, werden die niedrigeren Rohölpriese in Mexikos Zahlungsbilanz positiv zu Buche schlagen, weil das Land bei Erdölraffinerieerzeugnissen ein Handelsbilanzdefizit ausweist. Die Wirkung auf Pemex und die Steuereinnahmen ist negativ, jedoch wurde in den Absicherungsgeschäften bereits ein recht hoher Ölpreis für das Jahr zugrunde gelegt. Zudem arbeitet die Regierung an einem Hilfspaket für den staatlichen Ölkonzern. Trotz protektionistischer Äußerungen von US-Präsident Donald Trump entwickelt sich der Handel mit den USA nach wie vor sehr gut, weil die US-Wirtschaft weiterhin solide wächst. Mexiko ist der drittgrößte Handelspartner der USA und wies 2018 einen Überschuss von USD 67 Mrd. im Handel mit seinem größeren Nachbarn aus.
 

Kurzfristig scheinen daher nur wenige Wolken am Horizont die Aussichten zu trüben. Auf längere Sicht könnte sich der Himmel aber verdunkeln. Wird der Präsident sein Versprechen halten, für ein stärkeres und gerechteres Wirtschaftswachstum zu sorgen, und was könnte das mit sich bringen? (Die Ungleichheiten und das Gefälle zwischen den südlichen Bundesstaaten und dem Rest des Landes nehmen deutlich zu, wie Abbildung 2 zeigt.) Wird er die von der Vorgänger-Regierung umgesetzte Deregulierung des Energiesektors zurücknehmen? Wird er die links gerichteten Strömungen innerhalb der Morena-Bewegung im Zaum halten können? Werden sich seine populistischen Instinkte durchsetzen, falls seine besten Absichten und Pläne scheitern sollten?

Uneinheitliche Signale

AMLOs Präsidentschaft begann holprig. Nachdem er das bereits angelaufene Projekt zum Bau eines neuen internationalen Flughafens in Mexiko-Stadt gestoppt und die Inhaber von Flughafenanleihen im Volumen von USD 6 Mrd. damit vor den Kopf gestoßen hatte, zeigten sich die Märkte sorgenvoll. Verschlimmert wurde die Lage durch einige – wenngleich zügig abgelehnte – Vorstöße einiger Bündnispartner der Morena-Bewegung im Kongress, die Bankgebühren abzuschaffen, die Währungsreserven anzuzapfen und private Pensionspläne zu verstaatlichen. Die neue Regierung kündigte auch an, Versteigerungen neuer Ölexplorationsblöcke für drei Jahre auszusetzen, bis die Ergebnisse der vorherigen Versteigerungen vorliegen. AMLO macht kein Geheimnis daraus, dass er einen staatlich ausgerichteten Ölsektor sehr begrüßen würde, und die Märkte haben die Aussetzung weiterer Versteigerungen ganz richtig als einen Schritt weg von der Liberalisierung des Energiesektors gedeutet.
 

Im Dezember, dem Monat, in dem AMLO sein Amt antrat, sank der Peso unter 20 zum US-Dollar, während Banxico die Zinssätze um weitere 25 Basispunkte auf 8,25% und damit den höchsten Stand seit über zehn Jahren erhöhte und einige Analysten ihre Prognosen für das BIP-Wachstum 2019 auf nur noch 1% senkten.

Abbildung 2: Nord-Süd-Vergleich: Wachstumsgefälle in Mexiko wird größer
Kumuliertes reales BIP-Wachstum ausgewählter mexikanischer Bundesstaaten

Quelle: Nationales mexikanisches Institut für Statistik und Geografie (INEGI), T. Rowe Price
 

Die Unruhe an den Märkten hatte eine heilsame Wirkung auf die neue Regierung. Bis Mitte Dezember hatte die Regierung einen Haushalt für 2019 vorgelegt, der einen Überschuss von 1% des BIP im Primärhaushalt und keine neuen Steuern prognostizierte. Finanzminister Carlos Urzúa versprach „ein ganz klares Bekenntnis zur Haushalts- und Finanzdisziplin.“ Der Peso stabilisierte sich und die Märkte stiegen stark. Doch wie lange noch?

Wo lauern Risiken?

Die uneinheitlichen Signale der neuen Regierung – die in einem Augenblick die populistische Stimmung anheizt und sich im nächsten Moment anlegerfreundlich gibt – sind nur wenig beruhigend. Es gibt außerdem gute Gründe, um zu bezweifeln, dass es der neuen Regierung gelingen wird, die Agenda des Präsidenten umzusetzen: außerhalb des Finanzministeriums und von Banxico sind wichtige Posten nicht selten mit Kandidaten aus der Politik besetzt, die über wenig Berufserfahrung verfügen.
 

Eine dritte Gruppe von Risiken betrifft die Frage, ob es AMLO gelingen wird, die fortschrittliche Sozialagenda umzusetzen, die die Grundlage für seine Popularität ist. Zur Bekämpfung der Kriminalität und der Jugendarbeitslosigkeit, die häufig Hand in Hand gehen, hat der Präsident versprochen, durch ein Berufsausbildungsprogramm 2,6 Millionen Arbeitsplätze zu schaffen. Bislang hat der Privatsektor nur wenige tausend Stellen bereitgestellt. Ebenso hängen die Investitions- und Wachstumspläne der Regierung zu einem wesentlichen Teil von der Unterstützung des Privatsektors ab, der sich angesichts dieser uneinheitlichen Signale weiter zurückgehalten hat.
 

Doch auch jenseits der Grenzen des Landes bestehen Risiken. Die Volkswirtschaften Mexikos und der USA sind eng miteinander verknüpft – gleichsam auf Gedeih und Verderb. Und ein altbekannter Ausspruch besagt: Wenn die USA niesen, bekommt Mexiko einen Schnupfen. Die eher allmähliche Straffung der Geldpolitik durch die Fed könnte Mexiko etwas Luft zum Atmen verschafft haben, doch ein möglicher Abschwung in den USA zu einer Zeit, in der fiskalpolitische Impulse an Wirkung verlieren, könnte ein Vorbote für harte Zeiten auf beiden Seiten der Grenze sein.
 

Fragezeichen stehen auch hinter dem neuverhandelten NAFTA-Abkommen (dem Handelsabkommen zwischen den USA, Mexiko und Kanada), da es erst noch von der Legislative aller beteiligten Länder ratifiziert werden muss. Falls das von den Demokraten kontrollierte US-Repräsentantenhaus das überarbeitete Abkommen einer längeren Debatte unterziehen sollten, könnten das Geschäftsklima in Mexiko und die Stimmung gegenüber Mexiko darunter leiden.

Was wird AMLO tun, falls die Konjunktur einknickt?

AMLOs Agenda enthält viele Punkte, die durchaus positiv sind – fiskalpolitische Sparmaßnahmen, höhere Investitionen und der Fokus auf dem Abbau der Armut und der Jugendarbeitslosigkeit. Man kann auch viele Argumente für Investitionen in den vergessenen Süden des Landes anführen, der seit fünf Jahren in einer tiefen Rezession steckt. Der von der Regierung geplante Bau des „Maya-Zugs“ durch mehrere südliche Bundesstaaten muss aber – wie große Teile des Infrastrukturprogramms – erst noch konkreter ausgearbeitet werden.
 

Trotz all der unbeantworteten Fragen dürfte AMLO eine längere Schonfrist bekommen, als die meisten erwarten. Dank seiner Popularität und seines Charismas werden dem Präsidenten seine frühen Fehler verziehen werden: in der Heimat nennen ihn manche den „tropischen Messias“. Aufgrund seiner klaren Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses stehen zudem mit Blick auf die bereits weitreichenden exekutiven Befugnisse von Mexikos Präsident nur noch wenige Kontrollmechanismen zur Verfügung. Dennoch glauben wir, dass der Präsident zwei großen Gefahren ausgesetzt ist: zum einen könnten seine Sozialprogramme scheitern, zum anderen könnten seine großen Infrastrukturprogramme niemals richtig in Gang kommen. Sollten Korruption, Kriminalität und Gewalt weiter zunehmen, dürfte zudem die Stimmung im Volk kippen und sich gegen den Präsidenten richten. Die große Unbekannte ist, wie der Präsident reagieren wird, falls er unter Druck gerät.
 

Wichtigste Risiken – Folgende Risiken sind für die in diesen Informationen dargestellte Strategie von wesentlicher Bedeutung: Transaktionen mit Wertpapieren, die auf Fremdwährungen lauten, sind Wechselkursschwankungen ausgesetzt, die sich auf den Wert einer Anlage auswirken können. Die Erträge können aufgrund von Veränderungen der marktbezogenen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen stärker schwanken als an anderen, besser entwickelten Märkten. Schuldtitel können durch eine Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen infolge von Ratingherabstufungen oder Ausfällen belastet werden, die sich auf den Wert einer Anlage negativ auswirken können.
 

201902-736501 

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