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China: Rückkehr zu maßvollen Impulsen

Michael Conelius , Portfolio Manager
  • Chinas Politik gibt erneut Impulse und setzt dabei alle drei politischen Hebel in Bewegung: die Geldpolitik, die Fiskalpolitik und die Regulierung.
  • Ein Grund dafür ist, dass sich China für die mögliche Eskalation eines Handelskriegs mit den USA rüstet – bedeutender sind jedoch innenpolitische Aspekte.
  • Dieser Schritt könnte Folgewirkungen auf andere Schwellenländer – vor allem in Asien – haben, da die Anleger nun erkennen, dass es eine Untergrenze für das chinesische Wachstum, unter die es nicht fallen kann.

Im ersten Halbjahr hat sich die Anlegerstimmung gegenüber den Schwellenländern getrübt und die Angst rund um die Finanzkrise in der Türkei wächst. Chinas jüngste Kehrtwende hin zu mehr politischen Impulsen ist dagegen eine positive Entwicklung. Chinas Politiker reagieren auf Wachstumsbedenken und signalisieren eine deutliche, wenn auch maßvolle Lockerung über jeden der drei wesentlichen politischen Kanäle: die Geldpolitik, die Fiskalpolitik und die Regulierung.

 

Dass die Politiker ihre Zurückhaltung gegenüber Interventionen nun aufgegeben haben, sollte aber auch nicht zu stark betont werden. Im Laufe der letzten zehn Jahre war Chinas Politik von Phasen der Straffung (um das Kreditwachstum zu drosseln) und vereinzelten Phasen mit stärkeren Impulsen (um das Wachstum zu unterstützen) gekennzeichnet – Lockerungszyklen gab es 2009, 2012 und 2016.

 

Das aktuelle Vorgehen stellt vielleicht den Beginn eines neuen Zyklus dar, wir erwarten jedoch nicht, dass die Impulse das Niveau erreichen könnten wie in der Zeit unmittelbar nach der Finanzkrise. Auch der Einfluss auf die Rohstoffpreise dürfte nicht so stark positiv ausfallen wie 2009 und 2016.  Was wir nun beobachten, sind Bemühungen, das BIP um 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte zu erhöhen – das Wachstum soll gar nicht auf die früheren Niveaus gebracht, sondern im Bereich des Ziels von 6,5% stabilisiert werden.

 

In der Geldpolitik hat die Zentralbank in den letzten Wochen entschieden, die Mindestreservesätze (RRRs) zu senken, um für mehr Liquidität zu sorgen. Obgleich es nur wenige neue fiskalpolitische Impulse gibt, sind die lokalen Verwaltungen zunehmend bereit, zur Finanzierung von Infrastrukturprojekten wieder Kredite aufzunehmen. Dies stellt einen klaren Prioritätenwechsel dar: die Ausgaben für die Infrastruktur sollen wieder auf rund 10% des BIP gesteigert werden. Die Wohnungsbaupolitik wurde indes nicht gelockert.

 

Wir glauben, dass der allgemeine Pessimismus in den Schwellenländern in Bezug auf das Wachstum in China überzogen war. Ein großer Teil dieser negativen Stimmung geht in der Tat auf Bedenken rund um die Industrieländer zurück: das alarmierende Auseinanderdriften des Wachstums und der Geldpolitik in den USA und dem Rest der Welt und die aggressive Haltung der USA gegenüber ihren Handelspartnern sind hier zu nennen.

 

Die Eskalation eines Handelskriegs zwischen den USA und China ist zweifellos ein wichtiger Faktor. Die ersten eingeführten US-Strafzölle waren im Umfang von USD 50 Mrd. noch relativ unbedeutend. Doch da die USA ihre Drohung wahr machen und Zölle auf Waren im Wert von weiteren USD 200 Mrd. erheben, werden die Kosten allmählich anwachsen. Nach unseren Schätzungen würde Chinas BIP dadurch um 0,3 bis 0,5 Prozentpunkte schrumpfen. Dies würde erste Auswirkungen auf Chinas Fähigkeit haben, die eigenen Wachstumsziele zu erreichen, und das Vertrauen in das Geschäftsumfeld erschüttern.

 

Die Maßnahmen, die Chinas Politiker ergreifen, um eine Wachstumsphase herbeizuführen, scheinen Teil ihres Plans zu sein, sich auf noch massivere Strafzölle vorzubereiten – und sollen wohl signalisieren, dass sie in der Lage sind, den Drohungen der USA zu trotzen. Doch dies muss im Zusammenhang betrachtet werden. In den westlichen Medien liegt der Fokus meist deutlich darauf, dass Chinas Politik eine Reaktion auf die Geschehnisse im Rest der Welt ist. Da Kapitalbewegungen nach und aus China aber nur eingeschränkt möglich sind, ist die Situation etwas komplizierter.

 

Der bis vor Kurzem bestehende Trend zu einer restriktiveren Politik war hauptsächlich auf innenpolitische Aspekte zurückzuführen. Er führte zu einigen recht beachtlichen Erfolgen, etwa zur Eindämmung von Chinas Schattenkreditwesen außerhalb des offiziellen Bankensektors – was viele Beobachter noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hätten. Die jüngsten Impulse sollten unseres Erachtens in erster Linie eher als Reaktion auf die innenpolitischen Effekte einer übermäßig starken Korrektur angesehen werden.

 

Seitens der Anleger kam es im ersten Halbjahr an Chinas Kreditmarkt zu einer Flucht in Qualität – inländische Gelder wurden aus den risikoreicheren Anleihen von Unternehmen und lokalen Verwaltungen in Titel der Zentralregierung (CGBs) sowie in Unternehmensanleihen mit erstklassigem Rating umgeschichtet. Mit ihrer Entscheidung für neue Impulse signalisieren die Politiker, dass sie es gutheißen, wenn lokale Anleger mehr Risiken eingehen – nicht blind, aber mit dem Ziel, stabilen Unternehmen mit schwächerem Rating den Zugang zu Krediten nicht zu versperren. Unserer Ansicht nach dürfte der Trend, dass CGBs und AAA-Anleihen besser abschneiden als Anleihen mit schwächerem Rating, allmählich ein Ende finden, wenn die Unruhe rund um die Schwellenländer abnimmt.

 

Im Währungsbereich dürften Chinas Lockerung der Geldpolitik einerseits und die von der US-Notenbank verfolgte restriktivere Geldpolitik unter dem Strich Abwertungsdruck auf den Renminbi ausüben – auch wenn die Anreizmaßnahmen dies etwas aufwiegen. Die Einführung von Strafzöllen erhöht den Druck zusätzlich. Die People‘s Bank of China dürfte versuchen, diesen Druck zu begrenzen, um eine ungeordnete Abwertung des Renminbi oder spekulativen Druck auf die Währung zu verhindern.

 

Zum Abschluss noch ein weiterer wichtiger Punkt: Die Auswirkungen der Geschehnisse in China für ausländische Anleger sind in anderen Märkten wahrscheinlich von größerer Bedeutung, vor allem  in großen Teilen des restlichen Asiens, wo China einen bedeutenden Teil der Nachfrage ausmacht und ein wichtiger Exportmarkt ist. Chinas Politiker signalisieren, dass es durchaus eine Untergrenze gibt, unter die sie das Wachstum nicht sinken lassen, was eine positive Nachricht für  alle ist, die in den Schwellenländern anlegen und in diesem Jahr noch kaum Grund zum Optimismus hatten.

 

 

201805-500825

 

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