Ist der Ausverkauf bei Schwellenländeranleihen ein Einstiegspunkt?

Benjamin Robins , Portfolio Specialist

Wichtigste Punkte

  • Der jüngste Ausverkauf bei Anleihen aus Schwellenländern (Emerging Markets, EM) hat möglicherweise einen attraktiven Einstiegspunkt geschaffen, da er Investoren eine der renditestärksten Anlagechancen an den Anleihemärkten bietet.
  • Die Bewertungen in den wichtigen Schwellenländern sind derzeit günstig – sowohl im Vergleich zu den Märkten der Industrieländer als auch mit Blick auf die EM-Fundamentaldaten.
  • Ein disziplinierter, aktiver Anlageansatz ist nach wie vor unerlässlich, um die aussichtsreichsten Chancen bei Staats-, Unternehmens- und Lokalwährungsanleihen ausfindig zu machen.
  • Obwohl nach wie vor Risiken bestehen, haben viele der Auslöser der Marktschwäche des ersten Halbjahres inzwischen an Bedeutung verloren, sodass sich das Umfeld für Schwellenländeranleihen bessern dürfte.

Rechtfertigen die Bewertungen eine Rückkehr an die Anleihemärkte der Schwellenländer?

Für die Anleihemärkte der Schwellenländer (EM) verlief das erste Halbjahr 2018 schwierig: Neben destabilisierenden geopolitischen Schlagzeilen litten sie unter der Straffung der Geldpolitik in den Industrieländern. Der Verkaufsdruck auf breiter Front verbesserte die Bewertungen, und zahlreiche Segmente der EM-Anleihemärkte weisen jetzt im historischen Vergleich ein günstiges bis faires Bewertungsniveau auf. Doch rechtfertigen die günstigeren Bewertungen bereits eine Rückkehr in die Anlageklasse?

 

Sicherlich bieten die Bewertungen jetzt mehr Unterstützung, doch die jüngste Underperformance hat auch zu einer überdurchschnittlich großen Bewertungslücke gegenüber Investment-Grade- und Hochzinsanleihen aus Industrieländern geführt. Auf Lokalwährungen lautende Anleihen sind im Vergleich zu anderen Segmenten des Anleihemarktes derzeit besonders günstig. Die Durchschnittsrenditen von Lokalwährungsanleihen liegen bei über 6,50%, was nach den meisten Maßstäben sehr attraktiv ist. Auch auf Hartwährungen lautende Staats- und Unternehmensanleihen bieten viele attraktive Anlagechancen, da ihre durchschnittlichen Spreads das höchste Niveau der letzten Jahre erreicht haben.

 

Als Schwellenländeranleihen das letzte Mal so attraktive Renditen und Spreads aufwiesen, waren die Fundamentaldaten der Anlageklasse zudem deutlich ungünstiger. Heute sind die Aussichten dagegen viel positiver. Trotz der leichten Abkühlung ihres Wirtschaftswachstums und des stärkeren Abwertungsdrucks auf ihre Währungen sind die meisten Schwellenländer in einer weitaus besseren Verfassung, um die Probleme der weltweiten Volatilität zu meistern. Viele Volkswirtschaften des Segments profitieren von einer verhaltenen Inflation, einem weiterhin soliden Wachstum und hohen Devisenreserven ihrer Zentralbanken.

Die Vielfalt der Schwellenländeranleihen ist einer ihrer wesentlichen Vorteile, und angesichts der weltweit zunehmend unterschiedlichen Entwicklung des Wirtschaftswachstums und der Geldpolitik gewinnt dieser Aspekt noch an Bedeutung.

Zudem darf nicht vergessen werden, dass ein Großteil der Volatilität, der die jüngste Underperformance von Schwellenländeranleihen ausgelöst hat, nicht interne, sondern externe Ursachen hatte. Die geldpolitische Straffung in den Industrieländern, die politische Unsicherheit und die Besorgnis über den weltweiten Handelsprotektionismus haben diese Märkte stark belastet, obwohl ihre Fundamentaldaten in den meisten Fällen günstig bleiben. Wir sind jedoch optimistischer, da sich die Marktteilnehmer allmählich an diesen Druck gewöhnen und ihr Augenmerk wieder auf die Fundamentaldaten der Schwellenländer richten. Statt sich auf die jüngste Underperformance zu konzentrieren, sollten Anleger daher nach Chancen Ausschau halten, um ihr Engagement in potenziell überverkauften und inzwischen unterbewerteten EM-Segmenten aufzustocken. Erfreulicherweise gelingt es uns bei unserem strikten Research, viele dieser Gelegenheiten ausfindig zu machen.

 

Zwei führende Volkswirtschaften Lateinamerikas, Brasilien und Mexiko, litten beispielsweise zu Beginn dieses Jahres unter der politischen Unsicherheit sowie einem allgemeinen Druck auf ihre Währungen. Die Wahl von Andrés Manuel López Obrador zum mexikanischen Präsidenten Anfang Juli belastete die Märkte jedoch deutlich weniger, als viele Beobachter befürchtet hatten, und der mexikanische Markt dürfte sich nach einem turbulenten ersten Halbjahr stabilisieren. Auch in Brasilien werden noch in diesem Jahr Parlamentswahlen stattfinden. Der Wahlkampf könnte zwar kurzfristig zu Volatilität führen, doch dank der günstigeren Bewertungen und der besseren wirtschaftlichen Fundamentaldaten bietet dieser Markt unserer Ansicht nach attraktive Chancen.

Abbildung 1: Renditen der Schwellenländer und Kernmärkte im Vergleich

Stand: 31. Juli 2018

 

 

US-Treasuries: Daten von J.P. Morgan zur Rendite 6-jähriger US-Treasuries (pari); EM-Staatsanleihen: J.P. Morgan Emerging Markets Bond Index Global (EMBIG); EM-Unternehmensanleihen: J.P. Morgan Corporate Emerging Markets Bond Index Broad Diversified (CEMBI BD); EM-Lokalwährungsanleihen: J.P. Morgan Government Bond Index – Emerging Markets Global Diversified; US-Hochzinsanleihen: J.P. Morgan Domestic HY Index; Euro-Hochzinsanleihen: J.P. Morgan Euro HY Index.

 

Quelle: J.P. Morgan. Die Angaben stammen aus Quellen, die als zuverlässig angesehen werden; J.P. Morgan macht jedoch keinerlei Zusicherungen in Bezug auf ihre Vollständigkeit oder Richtigkeit. Der Index wird mit freundlicher Genehmigung verwendet. Der Index darf ohne vorherige schriftliche Genehmigung von J.P. Morgan nicht kopiert, verwendet oder weitergegeben werden. Copyright © 2018, J.P. Morgan Chase & Co. Alle Rechte vorbehalten.

 

An den Märkten für Unternehmensanleihen profitieren gut geführte Unternehmen in vielen Schwellenländern weiterhin von steigenden Gewinnen, solideren Bilanzen und einer geringeren Anfälligkeit gegenüber externen Faktoren. Zudem verharren die Ausfallraten auf zyklischen Tiefständen. Vor diesem Hintergrund bestehen jetzt einige der Anlagechancen mit dem besten risikobereinigten Wertpotenzial weltweit an den Märkten für hochverzinsliche Unternehmensanleihen der Schwellenländer, die zudem von einer niedrigen durchschnittlichen Duration profitieren. Nach der jüngsten Besorgnis über die Wachstumsabkühlung in China halten wir in diesem Segment asiatische Unternehmensanleihen für besonders attraktiv. Da die chinesische Zentralbank zur Stützung des Wirtschaftswachstums jetzt ihre Geldpolitik lockert, könnten sich in einigen der von uns bevorzugten Branchen, wie asiatischen Immobilien- und Technologiewerten, hervorragende Kaufgelegenheiten bieten.

 

Selektivität bleibt unerlässlich

Die Vielfalt der Schwellenländeranleihen ist einer ihrer wesentlichen Vorteile, und angesichts der weltweit zunehmend unterschiedlichen Entwicklung des Wirtschaftswachstums und der Geldpolitik gewinnt dieser Aspekt noch an Bedeutung. Die strukturellen Probleme in bestimmten Schwellenländern könnten jedoch zur Folge haben, dass sich einige Sektoren und Regionen weiterhin unterdurchschnittlich entwickeln. In der Türkei beispielsweise sind sowohl die auf Lira als auch die auf US-Dollar lautenden Unternehmens- und Staatsanleihen historisch günstig bewertet, doch die längerfristige Politik der Regierung dürfte zu einer weiteren Kursschwäche führen.

 

Aus diesem Grunde ist es unabdingbar, mehr als nur die reinen Zahlen zu berücksichtigen und Segmente der Schwellenmärkte zu ermitteln, die sowohl verbesserte Bewertungen als auch ein klares Bekenntnis zur Umsetzung von Strukturreformen und Realisierung des langfristigen Potenzials aufweisen. Nach dem kürzlichen Wahlsieg von Cyril Ramaphosa gilt dies insbesondere für Südafrika. Der neue südafrikanische Präsident setzt sich für Strukturreformen ein, und wir halten sowohl den Rand als auch die Staatsanleihen des Landes für attraktiv, solange Südafrika seinen Weg eines konstruktiven Wandels fortsetzt. Ein weiteres Beispiel für günstigere Bewertungen in Verbindung mit vorteilhaften Reformen stellt Serbien dar. Das Land hat seine Haushaltslage verbessert, und es gibt klare Anzeichen dafür, dass die Politik der Regierung das Leistungsbilanzdefizit deutlich reduziert.

 

In Asien liefern konstruktive Reformen in Indonesien und Indien weitere Belege dafür, dass die jüngste Verbesserung der Bewertungen Anlagechancen an den Märkten für Lokalwährungsanleihen und US-Dollar-Unternehmensanleihen beider Länder bietet.

 

EM-Anleihen bieten Anlegern derzeit besonders attraktive Chancen – sowohl aus historischer Perspektive als auch im Vergleich mit dem aktuellen Anleiheuniversum.

Risiken nehmen ab

Uns ist bewusst, dass in den kommenden Monaten noch Risiken bestehen und die günstigeren Bewertungen allein möglicherweise keinen ausreichenden Schutz bieten, falls in nächster Zeit eine anhaltende Phase der Risikoaversion beginnt. Die anhaltende Besorgnis über eine Zunahme des weltweiten Handelsprotektionismus könnte sich negativ auswirken.  

 

Doch selbst wenn das Wachstum der Weltwirtschaft im Jahr 2017 seinen Höhepunkt überschritten hat, halten wir das makroökonomische Umfeld in den Schwellenländern für robuster, als es der Markt derzeit widerspiegelt – ungeachtet möglicher Handelskriege. Die Ungewissheit in Bezug auf die Wahlen, die einige Märkte zu Jahresbeginn belastet hatte, ist nun weitgehend überwunden, und die Ölpreise haben sich stabilisiert.

 

Abbildung 2: Leistungsbilanzen der Schwellenländer

Gleitender Durchschnitt über vier Quartale bis zum 31. März 2018

 

 

Die Leistungsbilanzsalden (LBS) umfassen alle verfügbaren Daten der im J.P. Morgan EMBIG und im J.P. Morgan CEMBI BD enthaltenen Länder.

Quelle: International Monetary Fund/Haver Analytics; Datenanalyse von T. Rowe Price.

 

Abbildung 3: Inflationsentwicklung in den Schwellenländern

Stand: 30. Juni 2018

 

 

Quelle: International Monetary Fund/Haver Analytics; Datenanalyse von T. Rowe Price.

 

Der Gegenwind durch die geldpolitische Straffung in den USA und den stärkeren Dollar dürfte zwar anhalten, doch ein Großteil der Abwärtsrisiken ist am Markt inzwischen eingepreist. Das Wachstum der US-Wirtschaft könnte sich in der zweiten Jahreshälfte abschwächen, nachdem es in den letzten Monaten über dem Potenzialwachstum lag. Dadurch würde sich das Risiko verringern, dass die US-Notenbank die Zinsen mit einem unerwartet hohen Tempo anhebt. Unserer Ansicht nach sollten sich Anleger weniger auf die Straffung der Geldpolitik in den Industrieländern und die allmähliche Abkühlung des Wirtschaftswachstums konzentrieren. Stattdessen sollten sie die wachsenden Unterschiede zwischen einzelnen Regionen und Ländern beachten, um Bereiche zu identifizieren, die neben starken Fundamentaldaten weiterhin deutlich verbesserte Bewertungen bieten. EM-Anleihen bieten Anlegern derzeit besonders attraktive Chancen – sowohl aus historischer Perspektive als auch im Vergleich mit dem aktuellen Anleiheuniversum. Die Kursschwäche in der ersten Jahreshälfte ist nach unserer Einschätzung kein Grund, sich von den Schwellenmärkten abzuwenden. Vielmehr halten wir diese Entwicklung für eine Chance, durch einen disziplinierten globalen Ansatz unterbewertete Vermögenswerte zu ermitteln.

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