Warum Volatilität nach wie vor wichtig ist

Arif Husain , Portfolio Manager

WICHTIGSTE PUNKTE

  • Bis zu ihrem kürzlichen Comeback glänzte die Volatilität seit der Finanzkrise meist durch Abwesenheit.
  • Der Abbau der Maßnahmen zur quantitativen Lockerung könnte jedoch zur Folge haben, dass Volatilitätsspitzen regelmäßiger auftreten.
  • Das niedrige Zinsniveau der letzten Jahre hat viele Anleger dazu verleitet, Portfolios aus hoch korrelierten Vermögenswerten aufzubauen, die bei einer Rückkehr der Volatilität erhebliche Verlustrisiken bergen.
  • Aktivere Ansätze zur Portfoliokonstruktion können sich daher als vorteilhaft erweisen.

Die Volatilität spielt für Anleger seit jeher eine wichtige Rolle, doch seit der Finanzkrise glänzte sie vor allem durch Abwesenheit. Abgesehen von gelegentlichen Ausschlägen (wie etwa in den letzten Monaten) verharrt der Volatility Index der Chicago Board Options Exchange (VIX), das gängige Maß für die erwartete Volatilität am Aktienmarkt, seit 2011 auf einem recht verhalten Niveau. Doch da die Zentralbanken die quantitative Lockerung (QE) allmählich abbauen, während in einigen Regionen die politischen Risiken zunehmen und die Gefahr von Handelskriegen droht, könnte die Volatilität an die Märkte zurückkehren – und viele Anleger riskieren, davon unvorbereitet überrascht zu werden.

 

Der Volatilität wird so viel Bedeutung beigemessen, weil sie erhebliche Auswirkungen auf die Preise von Vermögenswerten hat. Nach der Portfoliotheorie betrachten Anleger bei der Entscheidung über die Investition in einen Vermögenswert drei Hauptfaktoren: Risiko (gemessen an der Volatilität oder Standardabweichung), Rendite und Korrelation. Rationale Anleger werden stets versuchen, ein Portfolio zusammenzustellen, das bei einem gegebenen Risikoniveau die höchste Rendite oder bei einem gegebenen Renditeniveau das niedrigste Risiko aufweist. Um gemäß dieser Theorie ein „effizientes“ Portfolio mit dem optimalen Risiko-Rendite-Profil zu schaffen, sollten die einzelnen Portfoliopositionen nicht miteinander korrelieren.

DIE DREI KOMPONENTEN DER VOLATILITÄT

Wie Abbildung 1 zeigt, lag die implizite Volatilität – und somit das Risiko – an den Aktien- und Anleihemärkten in den letzten Jahren nahe dem historischen Tiefstand. Um die Gründe hierfür zu verstehen, müssen wir die drei Hauptelemente der Marktvolatilität näher untersuchen: Makroökonomie, Geopolitik und Spekulationsblasen.

 

Abbildung 1: Die implizite Volatilität hat ein Allzeittief erreicht

 

Stand: 31. März 2018

Die implizite Aktienvolatilität wird durch den VIX Index abgebildet, die implizite Anleihenvolatilität durch den MOVE Index.

Quellen: T. Rowe Price, Chicago Board Options Exchange und Bank of America Merrill Lynch.

 

Die makroökonomische Volatilität wird durch Faktoren wie die Wachstumserwartungen, die Inflation und die Änderungen des Zinsniveaus bestimmt. Die Zentralbanken, zu deren Hauptaufgaben die Festlegung der Zinssätze, die Steuerung der Geldmenge und die Gewährleistung der Stabilität des Finanzsystems gehören, können die makroökonomische Volatilität daher stark beeinflussen. Die QE-Programme, mit denen die Zentralbanken der Weltwirtschaft seit der globalen Finanzkrise Billionen von US-Dollar zuführen, haben eine anhaltend hohe Liquidität und niedrige Zinsen zur Folge und unterstützen damit die Kreditmärkte und die Volkswirtschaften. Die QE hat auch das Angebot an Vermögenswerten verändert und damit die Investoren weltweit gezwungen, mehr Barmittel zu halten.


Das stetige Wachstum in China, dessen Anteil an den weltweiten Finanzanlagen in den letzten Jahrzehnten sprunghaft gestiegen ist, hat ebenfalls zur geringen Volatilität des makroökonomischen Umfelds beigetragen. Einen vergleichbaren Einfluss hatte der niedrige Ölpreis, der für Verbraucher einen ähnlichen Anreiz darstellt wie eine Steuervergünstigung.


Die geopolitische Volatilität hätte in den letzten Jahren eigentlich hoch sein müssen. Werfen wir nur einen Blick auf das vergangene Jahr: Donald Trump wurde als Präsident der USA vereidigt, Großbritannien löste Artikel 50 des EU-Vertrags aus und begann damit seinen formellen Austritt aus der Europäischen Union, Protestparteien beteiligten sich an zahlreichen Wahlen in Europa und die Spannungen im Nahen Osten und auf der koreanischen Halbinsel hielten das ganze Jahr über an. Dennoch herrschte 2017 an den Märkten eine bemerkenswerte Ruhe: Die genannten Entwicklungen und weitere Risikoereignisse kamen und gingen, ohne nachhaltige Störungen auszulösen. Zum Teil mag dies auf die beruhigende Wirkung der QE-Gelder der Zentralbanken zurückzuführen sein. Es ist jedoch auch möglich, dass die Häufigkeit ungewöhnlicher politischer Ereignisse in den letzten Jahren zu Selbstgefälligkeit geführt hat – wenn die Anleger so sehr an überraschende Ereignisse gewöhnt sind, dass sie nicht mehr darauf reagieren, lassen die Marktbewegungen in der Regel deutlich nach.


Der Zeitraum seit der Finanzkrise ist von einem starken Anstieg der Marktkurse geprägt, das Platzen einer Vermögenspreisblase ist bisher jedoch ausgeblieben. Auch in dieser Hinsicht könnte die von den Zentralbanken bereitgestellte Marktliquidität dazu beigetragen haben, die Kurse künstlich hoch zu halten.

QE-ABBAU KANN NATÜRLICHE MARKTKRÄFTE FREISETZEN

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die drei wichtigsten Impulsgeber der Volatilität seit der globalen Finanzkrise meist moderat blieben. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass dieser Trend unbegrenzt anhält. Der Abbau der quantitativen Lockerung dürfte natürliche Marktkräfte freisetzen, die bisher von der enormen Menge an Zentralbankgeld im System unterdrückt werden. Die US-Notenbank und die Bank of England haben bereits damit begonnen, ihre QE-Programme abzuwickeln, und die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan dürften diesem Beispiel zu gegebener Zeit folgen. Diese Tendenz wird zu höheren Zinssätzen führen, die die Kreditkosten für Unternehmen und Verbraucher erhöhen und möglicherweise dem Wachstum schaden.
 

Gleichzeitig richtet China seine Wirtschaft neu aus und verlagert dabei den Schwerpunkt von Industrie und Bauwirtschaft auf Dienstleistungen und Konsum. Die regierende Kommunistische Partei scheint diesen Prozess bisher zwar erfolgreich zu steuern, könnte sich in der Übergangszeit jedoch schwer tun, das stetige Wachstum der letzten Jahre aufrechtzuerhalten. Auch die Energiepreise dürften steigen, sodass ihr Effekt statt einer Steuervergünstigung künftig einer Verbrauchssteuer gleicht.
 

Ohne die beruhigende Wirkung der QE-Maßnahmen werden die Märkte auch auf geopolitische Ereignisse allmählich mit mehr Volatilität reagieren. In mehreren wichtigen Ländern finden in diesem Jahr Wahlen statt. Neben populistische Protestparteien stellen sich dabei auch Kandidaten zur Wahl, die unter Korruptionsverdacht stehen. Der internationale Streit um die Drohungen von US-Präsident Donald  Trump, drastische Importzölle auf Stahl und andere Güter zu erheben, könnte an wichtigen Märkten Nervosität  auslösen. Dasselbe gilt für eine weitere Eskalation der Spannungen im Nahen Osten oder in Bezug auf Nordkorea oder  Russland.

 

Und schließlich besteht auch die Möglichkeit, dass der QE-Abbau Spekulationsblasen platzen lässt. Erste Anzeichen dafür wurden in diesem Jahr bereits sichtbar. Der plötzliche Volatilitätsanstieg im Februar führte zu schmerzhaften Verlusten bei Inverse Volatility ETF – börsengehandelten Fonds, die auf eine sinkende Volatilität setzen. In dem Glauben, die Volatilität werde niedrig bleiben, hatten viele Anleger in diese Produkte investiert. Der jüngste Kurseinbruch der Kryptowährung Bitcoin gilt bei einigen Markbeobachtern ebenfalls als klassischer Fall einer platzenden Blase. Wenn die Anleger durch die Aussicht auf Inflation und steigende Zinsen verunsichert werden, können solche Marktkorrekturen häufiger auftreten.

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind Aktien und Staatsanleihen nicht immer negativ korreliert. In bestimmten Phasen, etwa wenn Inflationsängste die Volatilität stark steigen lassen, können sie sogar eine hohe Korrelation aufweisen.

PRÜFEN SIE KORRELATIONSANNAHMEN IN IHREM PORTFOLIO

Steht ein Wiederanstieg der Volatilität bevor, müssen Anleger sorgfältig prüfen, ob ihr Portfolio darauf vorbereitet ist. Dabei müssen sie besonders auf die Korrelationen achten. Gemäß der Portfoliotheorie gilt: Je stärker zwei Vermögenswerte korrelieren, desto schwieriger ist es, sie zu einem effizienten Portfolio mit einem vorteilhaften Rendite-Risiko-Profil zu kombinieren. Die Phase der extrem lockeren Geldpolitik hat viele Anleger dazu verleitet, stärker korrelierte und somit weniger effiziente Portfolios aufzubauen. Angesichts der historisch niedrigen Zinsen sahen sie sich gezwungen, auf der Suche nach höheren Renditen stärker an den Märkten für Unternehmensanleihen zu investieren. Da renditestärkere Kreditinstrumente stark mit Aktien korrelieren, sind solche Positionen in einer Zeit, in der mit einer Rückkehr der Volatilität zu rechnen ist, mit hohen Risiken verbunden.
 

Zudem können Volatilitätsspitzen die Korrelation zwischen Aktien und Staatsanleihen überraschend zusammenbrechen lassen. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind Aktien und Staatsanleihen nicht immer negativ korreliert. In bestimmten Phasen, etwa wenn Inflationsängste die Volatilität stark steigen lassen, können sie sogar eine hohe Korrelation aufweisen. Dies war beispielsweise während des Volatilitätsanstiegs im Februar der Fall, als die Nervosität über die Inflationsentwicklung zu einem gleichzeitigen Ausverkauf von Anleihen und Aktien führte. Anleger sollten daher nicht davon ausgehen, dass sie ihr Portfolio durch eine Erhöhung der Duration automatisch diversifizieren und wirksam gegen Kursschwankungen am Aktienmarkt absichern. 
 

Risikoparitätsstrategien, die die Asset-Allokation in einem Portfolio anhand des Risikos festlegen, sind bei steigenden Korrelationen weit weniger effektiv. Anleger, die ihre Portfolios auf den möglichen Wiederanstieg der Volatilität vorbereiten wollen, können daher von einem anderen Ansatz profitieren, der auf einer aktiven Länder- und Sektorallokation und einem gezielten Durationsmanagement basiert. Derzeit befinden sich die einzelnen Länder weltweit in sehr unterschiedlichen Phasen ihres Zinszyklus. Solche Zeiten bieten Anlegern eine gute Gelegenheit, Portfolios aufzubauen, die über Länder und Märkte hinweg diversifiziert sind und Vermögenswerte enthalten, die nur gering miteinander korrelieren. Wir halten diesen Ansatz für den effektivsten Weg, um die zu erwartende Phase stärkerer Volatilität zu meistern.

201804-466298


Wichtige Informationen

Das vorliegende Dokument dient nur zu allgemeinen Informationszwecken. Es ist in keiner Weise als (Anlage-) Beratung zu verstehen (auch nicht in treuhänderischem Sinne), und potenziellen Anlegern wird empfohlen, vor einer Anlageentscheidung unabhängigen rechtlichen, finanziellen und steuerlichen Rat einzuholen. Die T. Rowe Price-Unternehmensgruppe, zu der auch T. Rowe Price Associates, Inc. und/oder deren verbundene Gesellschaften gehören, erzielen Einnahmen mit Anlageprodukten und -dienstleistungen von T. Rowe Price. Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Erträge. Der Wert einer Anlage sowie die mit dieser erzielten Erträge können sowohl steigen als auch sinken. Es ist möglich, dass Anleger weniger zurückbekommen als den eingesetzten Betrag.

Das vorliegende Dokument stellt weder ein Angebot noch eine persönliche oder allgemeine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf von Wertpapieren in irgendeinem Land oder Hoheitsgebiet beziehungsweise zur Durchführung bestimmter Anlageaktivitäten dar. Das Dokument wurde von keiner Aufsichtsbehörde irgendeines Landes oder Hoheitsgebiets geprüft.

Die hierin geäußerten Informationen und Ansichten wurden aus oder anhand von Quellen gewonnen, die wir als zuverlässig und aktuell erachten; allerdings können wir die Richtigkeit oder Vollständigkeit nicht garantieren. Wir übernehmen keine Gewähr dafür, dass sich Vorhersagen, die möglicherweise getätigt werden, bewahrheiten werden. Die hierin enthaltenen Einschätzungen beziehen sich auf den jeweils angegebenen Zeitpunkt und können sich ohne vorherige Ankündigung ändern; diese Einschätzungen unterscheiden sich möglicherweise von denen anderer Gesellschaften und/oder Mitarbeiter der T. Rowe Price-Unternehmensgruppe. Unter keinen Umständen dürfen das vorliegende Dokument oder Teile davon ohne Zustimmung von T. Rowe Price vervielfältigt oder weiterverbreitet werden.

Das Dokument ist nicht zum Gebrauch durch Personen in Ländern oder Hoheitsgebieten bestimmt, in denen seine Verbreitung untersagt ist oder Beschränkungen unterliegt. In bestimmten Ländern wird es nur auf spezielle Anforderung zur Verfügung gestellt.

Das Dokument ist nicht für Privatanleger bestimmt, unabhängig davon, in welchem Land oder Hoheitsgebiet diese ihren Wohnsitz haben.

zugehörige Fonds
SICAV
Anteilsklasse I USD
ISIN LU1216622214
Ziel ist die Erwirtschaftung positiver Renditen mit globalen Anleihen unter besonderer Berücksichtigung des Verlustrisikos und einer Diversifikation über Aktienmärkte. Mehr...
3 Jahres-Rendite
(Annualisiert)
0.16%
Durchschnittlicher Kupon
4.39%
FACTSHEET
Fondsvolumen
(USD)
$1.3Mrd.
Durchschnittliche Laufzeit
5.38 J.
Durchschnittliche Duration
0.18 J.