Frontier-Märkte: Iran—Missverständnisse Beseitigen, Aber Die Herausforderungen Annehmen

Oliver Bell , Portfolio Manager

Zusammenfassung

Das historische Atomabkommen und die Aufhebung der Sanktionen im Iran dürften das Land auf den Weg zurück in die globale Gemeinschaft führen. Den Investoren wurde das Ereignis als eine Rückkehr der größten Volkswirtschaft in das globale System seit dem Zerfall der UdSSR im Jahr 1991 angekündigt.

 

Für diese Ausgabe von Price Point begaben sich Oliver Bell, Portfoliomanager der Global Frontier Markets Equity Strategy von T. Rowe Price, und Mark Lawrence, Investmentanalyst für die Frontier-und Schwellenmärkte, vor der Aufhebung der Sanktionen auf eine Erkundungsmission und erörtern hier ihre Erkenntnisse.

Unsere erste Reise in den Iran war wirklich erhellend und viele unserer Vorurteile stellten sich als falsch heraus. Angefangen bei der reibungslosen und freundlichen Zollabfertigung bis hin zu unseren dreitägigen Einzelmeetings und Ausflügen außerhalb des Hotels erkannten wir, dass viele unserer Vorstellungen nicht der Wahrheit entsprachen. Der ehemalige Präsident des Landes, Mahmud Ahmadinedschad, dessen Privatvermögen auf über 30 Mrd. US-Dollar geschätzt wird, trug viel dazu bei, die Angst vor dem Iran als „Staat des Bösen“ zu schüren, doch alle Menschen, die wir trafen, waren sich darin einig, dass er ein Hardliner war, dessen Zeit vorüber ist. Uns erschien der Iran tatsächlich eher wie die Türkei und nicht wie Saudi-Arabien. Teheran ist eine sehr kosmopolitische Stadt mit einer weitaus liberaleren Einstellung, als wir erwartet hatten, und die Frauen scheinen voll in die Gesellschaft integriert zu sein.

 

Das Land verfügt über einen hohen Bildungsgrad und Unternehmergeist und ist reich an Ressourcen und Talenten. Allerdings ist sein Cashflow aufgrund der seit 1979 bestehenden Sanktionen nach wie vor schwach. Mit der Aufhebung der Sanktionen bietet das Land nun zahlreiche Pluspunkte für internationale Investoren.

EINIGE FAKTEN ZUR GESCHICHTE DES LANDES UND DIE WICHTIGSTEN DATEN

  • Bis zum Jahr 1935 war das Land als Persien bekannt. Die 80 Millionen Einwohner sind zu 90-95 % Schiiten, die der schiitischen Auslegung des Islam folgen. Das Land wurde nach der Iranischen Revolution im Jahr 1979 zu einer islamischen Republik, als der herrschende Schah vom obersten Religionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini abgelöst wurde.
 
  • Heute ist der Ajatollah Ali Chamenei oberster Religionsführer des Iran. Der Amtsantritt des Präsidenten Hassan Rohani erfolgte im Juli 2013. Der iranische Präsident wird für eine Amtsperiode von vier Jahren gewählt und darf nur für zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten gewählt werden. Er ist nach dem Ajatollah der zweithöchste Amtsträger und steht der Exekutive vor. Über ihm steht allerdings der oberste Religionsführer als Oberbefehlshaber, der die Streitkräfte, die Verteidigung, die Sicherheit und die Außenpolitik kontrolliert.
 
  • Im Jahr 1979 wurde die Iranische Revolutionsgarde (Pasdaran) zum Schutz der Revolution geschaffen. Sie ist nicht nur der mächtigste Sicherheitsdienst und das Militärorgan des Landes, sondern auch dessen einflussreichster wirtschaftlicher Akteur mit Kontrolle über ein ausgedehntes Netz an staatlichen und halbstaatlichen Unternehmen.
 
  • Der Iran verfügt zusammengenommen über die weltweit größten Erdöl- und Erdgasvorkommen (Platz vier bei Erdöl und Platz eins bei Erdgas).
 
  • Demografische Daten: Ähnlich wie Nigeria, Ägypten und die Türkei hat der Iran mit einem Bevölkerungsanteil von 60 % unter 30 Jahren eine große und junge Bevölkerung.
 
  • Gut ausgebildete Arbeitskräfte: Im Iran findet sich nach den USA und Russland die dritthöchste Zahl von Absolventen der Ingenieurwissenschaften.
 
  • Es ist auch das Land mit der höchsten Alphabetisierungsrate im Nahen Osten und Nordafrika (MENA-Region). Diese lag laut UNICEF von 2008 bis 2012 bei 85 %. Von 2008 bis 2011 waren 99,9 % der Kinder im grundschulpflichtigen Alter in der Schule eingeschrieben.
 
  • Ein strategisch günstiger Standort: Der Iran verfügt über eine gewaltige Landmasse und umfasst Teile des Nahen Ostens, des Persischen Golfs, Zentralasiens, des Kaspischen Meeres und Südasiens: Er steht auf Platz 18 der größten Länder der Welt.
 

EINE GROSSE VOLKSWIRTSCHAFT…

Der Iran ist mit einem BIP von 406,3 Mrd. US-Dollar im Jahr 2014 (in etwa vergleichbar mit Thailand) nach Saudi-Arabien die zweitgrößte Volkswirtschaft in der MENA-Region. Nach zwei Jahren der Rezession stieg das iranische BIP, vorangetrieben durch die Strategie der Reformen und des Auslandsengagements der Regierung Rohani, im Jahr 2014 um 3 %1. Die Regierung hat eine Strategie ausgearbeitet, deren Ziel eine nicht von Sanktionen belastete Wirtschaft, eine Verbesserung in den Bereichen Wissenschaft und Technologie, die Reformierung einiger staatlicher Unternehmen sowie des Banken- und Finanzsektors und die Verteilung der Erdöleinnahmen gemäß einer politischen Prioritätenliste ist. Es dominieren staatliche und halbstaatliche Unternehmen.

 

Die mittelfristige Prognose für das Land wurde von der Weltbank als positiv bewertet, sofern die Sanktionen in Zusammenhang mit dem Atomprogramm gelockert würden und die Regierung Reformen vorantreibt. Von 2014 bis 2015 erwartet die Weltbank im Iran einen Wachstumsrückgang von 3 % auf 1,9 % (auf der Grundlage des iranischen Kalenderjahres, das im März beginnt). Durch die jetzt vor Beginn des iranischen Kalenderjahres 2016 stattgefundene Aufhebung der Sanktionen rechnet man allerdings mit einem realen BIP-Anstieg von bis zu 5,8 % im Jahr 2016 und 6,7 % im Jahr 2017. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert für 2016/2017 und 2017/2018 ein reales BIP-Wachstum von bis zu 5,5 % und danach von jährlich etwa 3,5 % bis 4 %.

 

Der IWF erwartet aufgrund der Rücknahme der UN- und EU-Sanktionen im Jahr 2016 eine Steigerung der weltweiten Erdölförderung um 600.000 Barrel pro Tag, die mittelfristig auf 1,2 Millionen Barrel pro Tag ansteigen wird. Das entspräche etwa der Hälfte des weltweiten Wachstums der Erdölnachfrage im Jahr 2016.

 

Die Inflation ist wegen der harten Geldpolitik von ihrem Höchststand von 45 % im Jahr 2012 gesunken und liegt heute im unteren zweistelligen Bereich. Wir gehen davon aus, dass die Zinsen fallen werden und es zu einer weiteren deutlichen Anpassung des Wechselkurses zwischen dem iranischen Rial und dem US-Dollar, der aktuell bei 36.3000 R/USD liegt, kommen wird. Die Banken treten nach den Sanktionen wieder mit der Außenwelt in Verbindung, und die Kapitalflüsse dürften nachfolgen, während das Erdöl innerhalb der Wirtschaft nur an Bedeutung gewinnen kann.

 

…MIT ENTSPRECHENDEM FINANZBEDARF

Einige Führungskräfte erzählten uns, der iranischen Regierung sei das Bargeld ausgegangen und das Land müsse mehr Anleihen ausgeben. Es hat zweifellos ein Liquiditätsproblem und benötigt zu dessen Beseitigung weitere Risikomanagementkapazitäten (gegenwärtig gibt es keine Ratingagenturen) und rechtliche Rahmenbedingungen (Konkurse und Abwicklungen sind mit großen Schwierigkeiten verbunden).

 

Der Bankensektor ist durch die jahrelange staatliche Einmischung, die schwachen Governance-Strukturen und etliche Jahre von Sanktionen in einem relativ schlechten Zustand. Die Banken, die wir besuchten, hatten, vermutlich wegen der durch die Sanktionen beschränkten Investitionsalternativen, massiv in nicht zum Kerngeschäft gehörende Vermögenswerte wie Immobilien, Franchiseunternehmen, Aktien usw. investiert. Die Kreditdurchdringung liegt im Vergleich zu anderen Schwellenländern und Golfstaaten mit 67 % am oberen Ende der Skala.2 Allerdings ist der Sektor stark fragmentiert, und nur knapp ein Drittel der Aktiva des Systems entfallen auf die fünf größten Banken. Dieser relativ überfüllte Markt ist möglicherweise eine Erklärung für die vergleichsweise niedrige Rentabilität sowie das scheinbar hohe Niveau an nicht gewinnbringenden überfälligen Krediten.



Die Teheraner Börse (Tehran Stock Exchange, TSE) betreibt zwei Börsen. An der Hauptbörse sind 540 Unternehmen notiert. Die Marktkapitalisierung beträgt 120 Mrd. USD, das tägliche Umsatzvolumen 40 Mrd. USD, und es sind 107 Broker beschäftigt – eine erstaunliche Anzahl. Das tägliche Up/Down-Limit ist auf 5 % festgelegt. Im Jahr 2013 wurden ETFs eingeführt, momentan sind elf davon an der TSE notiert. Der Index wird mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 6  (der niedrigste Wert war ein KGV von 4 bis 5) und mit einer durchschnittlichen Dividendenrendite von 14 % gehandelt, allerdings mit nur geringer ausländischer Beteiligung. Durch eine große regierungsgesteuerte Privatisierungswelle im Jahr 2006 wurden viele Unternehmen wieder Teil des privaten Sektors. Auf die zehn größten börsennotierten Unternehmen entfallen 50 % der Marktkapitalisierung der TSE. Sieben von ihnen wurden im Rahmen der Privatisierungsprogramme der Regierung registriert.3

 

EINE EINFALLSREICHE NATION

Was uns während unseres Besuchs am stärksten beeindruckt hat, war die Tatsache, dass sich der Iran trotz der Sanktionen recht gut behauptet. So wurden kleinere Produkte selbst entwickelt oder aus Nachbarländern importiert. Die Geschäfte waren voll mit Waren, von denen viele auch im Westen erhältlich sind.

 

Dadurch, dass der iranische Rial (IRR) zwei große Abwertungen erlebte – die erste um fast 80 % (gegenüber dem US-Dollar) im Jahr 2002 und die zweite um 50 % im Jahr 2013, was einer realen Gesamtabwertung von 50 % seit dem Jahr 2000 entspricht –sind die meisten Produkte auch wesentlich billiger. Der Wert des Rial beträgt, gemessen an der Kaufkraftparität (KKP), 30 % des vom IWF berechneten KKP-Niveaus (Waren sind um 70 % billiger als ein vergleichbarer Warenkorb in den USA).

 

RISIKO UND CHANCE

Wir sind der Meinung, dass sich für die Marktvorreiter, die sogenannten „First Movers“, die zu Beginn des Jahres 2016 in den Markt einsteigen, gutes Geld verdienen lässt. Längerfristig gesehen wird der Weg eher steinig sein, und die Gefahr, dass Investitionen im Sand verlaufen, ist genauso gegeben. Ziel unserer Reise war es, uns mit dem Iran und seinen Eigenheiten vertraut zu machen, was uns teilweise gelungen ist. Um allerdings wirklich selbstbewusst investieren zu können, müssen wir mehr Zeit in Unternehmen und mit Regierungsvertretern verbringen. Allerdings war die Qualität der Meetings und Gespräche während unseres Besuchs viel besser als Mitte der 2000er Jahre, als wir zum ersten Mal die Staaten des Golf-Kooperationsrats besuchten. Es hatte in mancherlei Hinsicht viel Ähnlichkeit mit unserer ersten Reise nach Saudi-Arabien im Jahr 2006/2007.

 

Das Bankensystem ist unterkapitalisiert, hat eine hohe Anzahl notleidender Kredite und gibt dadurch Grund zur Besorgnis. Auch gibt es noch keinen Rekapitalisierungsplan. Allerdings ist das Interesse des ausländischen Kapitals hoch, und viele der iranischen Banken führen bereits Gespräche mit internationalen Banken.

 

Der Erdöl- und Bergbausektor dominiert die Wirtschaft und den Aktienmarkt und braucht dringend Kapital sowie ausländische Kooperationen. Daher kann man innerhalb eines engen, aber reichhaltigen Spektrums am Aktienmarkt teilnehmen, in dem es turbulent zugehen kann. Hinzu kommt, dass die Iranische Revolutionsgarde mit Beteiligungen an einem ausgedehnten Netz staatlicher und halbstaatlicher Unternehmen und ihrem Einfluss auf den privaten Sektor eine starke wirtschaftliche Kraft im Land darstellt.

 

Auch Themen wie geschäftliche Transparenz und Korruption sind bei der Entwicklung jeder Frontier-Volkswirtschaft von Bedeutung. Der Iran rangierte im weltweiten Korruptionsindex (2014) von Transparency International unter 175 Ländern auf Platz 136. In der „Doing Business“-Studie der Weltbank belegte der Iran von 198 Ländern Platz 130.

 

In den kommenden Jahren wird das Interesse am Iran jedoch nur wegen dessen Reintegration in die globale Wirtschaft, seinen riesigen Erdöl- und Erdgasvorkommen und seiner positiven demografischen Entwicklung (die für die künftigen Wachstumsaussichten entscheidend ist) zunehmen. Historisch betrachtet ist der Iran außerdem Teil der „Next-11“ (ein von Goldman Sachs geprägter Ausdruck), also einer Gruppe von Ländern, die das Potenzial haben, sich zu bedeutenden Schwellenländern zu entwickeln.

 

Institutionelle Investoren werden allerdings in Bezug auf die Liquidität und Corporate Governance mit einigen Herausforderungen konfrontiert werden. Wenn sich Märkte öffnen, sind solche Herausforderungen nichts Ungewöhnliches, und es gibt immer Bereiche, in denen erfahrene Investoren vernachlässigte Unternehmen mit einer gesunden oder sich verbessernden Geschäftstätigkeit entdecken können.

 

Letztlich könnte sich eine Investition im Iran mit Schwerpunkt auf Qualität auszahlen, insbesondere in Anbetracht der sehr niedrigen Ausgangsbewertung. Zudem ist der Iran einer der letzten großen Frontier-Märkte, in die man investieren kann, und für einige Investoren ist er möglicherweise einer der letzten noch fehlenden Bausteine in ihrem Anlageportfolio.

 

1 Quellen: Thomson Reuters und Morgan Stanley Research.

2 Quelle: Morgan Stanley Research.

3 Quelle: Teheraner Börse (TSE)

 

2016-GL-3271

 

Wichtige Informationen

Das vorliegende Dokument dient nur zu allgemeinen Informationszwecken. Es ist in keiner Weise als (Anlage-) Beratung zu verstehen (auch nicht in treuhänderischem Sinne), und potenziellen Anlegern wird empfohlen, vor einer Anlageentscheidung unabhängigen rechtlichen, finanziellen und steuerlichen Rat einzuholen. Die T. Rowe Price-Unternehmensgruppe, zu der auch T. Rowe Price Associates, Inc. und/oder deren verbundene Gesellschaften gehören, erzielen Einnahmen mit Anlageprodukten und -dienstleistungen von T. Rowe Price. Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Erträge. Der Wert einer Anlage sowie die mit dieser erzielten Erträge können sowohl steigen als auch sinken. Es ist möglich, dass Anleger weniger zurückbekommen als den eingesetzten Betrag.

Das vorliegende Dokument stellt weder ein Angebot noch eine persönliche oder allgemeine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf von Wertpapieren in irgendeinem Land oder Hoheitsgebiet beziehungsweise zur Durchführung bestimmter Anlageaktivitäten dar. Das Dokument wurde von keiner Aufsichtsbehörde irgendeines Landes oder Hoheitsgebiets geprüft.

Die hierin geäußerten Informationen und Ansichten wurden aus oder anhand von Quellen gewonnen, die wir als zuverlässig und aktuell erachten; allerdings können wir die Richtigkeit oder Vollständigkeit nicht garantieren. Wir übernehmen keine Gewähr dafür, dass sich Vorhersagen, die möglicherweise getätigt werden, bewahrheiten werden. Die hierin enthaltenen Einschätzungen beziehen sich auf den jeweils angegebenen Zeitpunkt und können sich ohne vorherige Ankündigung ändern; diese Einschätzungen unterscheiden sich möglicherweise von denen anderer Gesellschaften und/oder Mitarbeiter der T. Rowe Price-Unternehmensgruppe. Unter keinen Umständen dürfen das vorliegende Dokument oder Teile davon ohne Zustimmung von T. Rowe Price vervielfältigt oder weiterverbreitet werden.

Das Dokument ist nicht zum Gebrauch durch Personen in Ländern oder Hoheitsgebieten bestimmt, in denen seine Verbreitung untersagt ist oder Beschränkungen unterliegt. In bestimmten Ländern wird es nur auf spezielle Anforderung zur Verfügung gestellt.

Das Dokument ist nicht für Privatanleger bestimmt, unabhängig davon, in welchem Land oder Hoheitsgebiet diese ihren Wohnsitz haben.

zugehörige Fonds
SICAV
Anteilsklasse I USD
ISIN LU1079765662
Der Fonds strebt nach der Identifikation langfristiger Marktführer in Ländern, die an der Schwelle zu einer rasanten Entwicklung stehen.
Mehr...
3 Jahres-Rendite
(Annualisiert)
7.40%
Fondsvolumen
(USD)
$261.0Mio.