INVESTMENT INSIGHTS

Produktivität ist der Schlüssel zu Japans Zukunft

Archibald Ciganer , Portfolio Manager

Überblick

  • Die ungünstige demografische Entwicklung bildet eines der Hauptrisiken für Japans langfristige Wachstumsaussichten.
  • Das Land ergreift jedoch bereits Maßnahmen, um dieser Herausforderung zu begegnen, und legt dabei den Schwerpunkt – sowohl im öffentlichen Sektor als auch in der Privatwirtschaft – auf die Steigerung der Produktivität.
  • Der akute Handlungsbedarf veranlasst Japan zur Entwicklung neuer und innovativer Lösungen zur Produktivitätssteigerung, die die Grenzen des heute Machbaren immer weiter verschieben.

Das Wirtschaftswachstum eines Landes lässt sich auf zwei grundlegende Faktoren zurückführen: das Wachstum der Bevölkerung, insbesondere der Erwerbsbevölkerung, und die Verbesserung der Produktivität. Bei der Anwendung dieser Gleichung auf Japan zeigt sich, dass die ungünstige demografische Entwicklung des Landes hinlänglich bekannt ist – die alternde und schrumpfender Bevölkerung bildet möglicherweise das größte Risiko für Japans langfristige Wachstumsaussichten. Japan ergreift jedoch Maßnahmen, um dieser Herausforderung zu begegnen. Das Zauberwort ist dabei „Produktivität“.
 

Japan ist nicht das einzige Land, das mit einer ungünstigen demografischen Entwicklung konfrontiert ist – dieser Trend ist in vielen fortgeschrittenen Gesellschaften Realität. Doch in Japan hat dieses Problem größere Ausmaße erreicht als in allen anderen Industrieländern, sodass dringend Handlungsbedarf besteht. Daher entwickelt das Land neue und innovative Lösungen, um die Produktivität seiner Wirtschaft zu steigern.


Der öffentliche Sektor bemüht sich dabei ebenso um Produktivitätssteigerungen wie die Privatwirtschaft Japans. Die Regierung sorgt mit umfassenden Strukturreformen für flexiblere und dynamischere Arbeitsbedingungen, die vor allem eine stärkere Mitbestimmung der Arbeitnehmer ermöglichen sollen. Auch im privaten Sektor besteht Einvernehmen darüber, dass die globale Wettbewerbsfähigkeit nur durch Produktivitätssteigerungen gesichert werden kann. Die Unternehmen investieren in neue Technologien und Systeme, um intelligentere und effizientere Arbeitsabläufe zu fördern.
 

Strukturelle Arbeitsmarktreformen bilden die Grundlage

Eine der Säulen der Reformpolitik des japanischen Premierministers Shinzo Abe (Abenomics) ist die Reform des japanischen Unternehmenssektors mit dem Ziel, die Effizienz zu verbessern und für stärkere Mittelzuflüsse ausländischer Investoren zu sorgen. In diesem Bereich wurden bereits erhebliche Fortschritte erzielt, vor allem in Form von verbesserten Corporate-Governance-Standards und strengeren regulatorischen Rahmenbedingungen. Eine Reihe von staatlichen Initiativen, von neuen Gesetzen und Bestimmungen über Infrastrukturinvestitionen bis hin zu finanziellen Anreizen für Unternehmen, zielen gleichzeitig darauf ab, die japanische Erwerbsbevölkerung dynamischer und inklusiver zu machen.

Produktivität ist nicht alles, doch auf lange Sicht spielt sie mit Abstand die wichtigste Rolle.
- Paul Krugman, Economics Nobel Laureate

Die traditionell geringe Flexibilität des japanischen Arbeitsmarkts erklärt zum Teil, warum Japans Produktivität in den vergangenen Jahrzehnten hinter dem Niveau anderer Industrieländer zurückgeblieben ist. Die Traditionen und die Kultur Japans hatten zur Folge, dass Arbeitsplätze meist als lebenslang gesichert galten. Dies begrenzte den Wettbewerb und die Aufstiegsmöglichkeiten und schuf nur geringe Anreize für einen Stellenwechsel. Ein derart unflexibler Arbeitsmarkt belastet in dreierlei Hinsicht die Produktivität.

  1. Er führt tendenziell zu einem überhöhten, ineffizienten Personalbestand, der sich selbst in Krisenzeiten nur schwer reduzieren lässt.
  2. Durch die begrenzte Mobilität der Arbeitnehmer zwischen verschiedenen Unternehmen geht die wichtige Funktion eines regelmäßigen Austauschs von Best Practices verloren.
  3. Da kaum Anreize für einen Stellenwechsel bestehen, ist es weniger wahrscheinlich, dass sich Mitarbeiter während ihrer gesamten Laufbahn neue Kenntnisse aneignen.

Die gesetzlichen Bestimmungen, die Unternehmen einst ermöglichten oder sogar dazu ermutigten, ihre Mitarbeiter lebenslang zu beschäftigen, wurden inzwischen jedoch weitgehend aufgehoben. Die tief verwurzelte „Salaryman“-Mentalität, mit der sich Mitarbeiter an ein einziges Unternehmen binden, wird nur langsam an Bedeutung verlieren. Doch die Vorteile eines flexiblen Stellenwechsels sind bereits offensichtlich, da der Austausch von Best Practices zwischen Unternehmen zunimmt und der wachsende Wettbewerb um Arbeitsstellen die Bereitschaft zur Weiterbildung erhöht. Die Unternehmen beschäftigen zudem mehr Mitarbeiter mit befristeten Verträgen, wodurch ein flexibleres und effizienteres Angebot an Arbeitskräften entsteht, als in der Vergangenheit möglich war.

Womenomics: ein Schlüsselelement der japanischen Wachstumsagenda

Darüber hinaus hat Premierminister Shinzo Abe die „Womenomics“ – gezielte Maßnahmen, die Frauen den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern sollen – zu einem wesentlichen Bestandteil seiner Wachstumsagenda erklärt. Ein Großteil der japanischen Frauen scheidet nach der Geburt des ersten Kindes aus der Berufswelt aus, und viele von ihnen kehren nie in eine Vollzeitbeschäftigung zurück. Um diesem Problem zu begegnen, hat Japans Regierung mehrere Initiativen angekündigt, darunter:

  1. Verlängerung des bezahlten Elternurlaubs
  2. Ausbau der Kinderbetreuungsdienste, einschließlich des Baus weiterer Kindergärten und -krippen
  3. Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen von Unternehmen auf 15% bis 2020

Abbildung 1 zeigt, wie erfolgreich diese Maßnahmen Frauen zur Rückkehr an den japanischen Arbeitsmarkt bewegen. Der Prozentsatz der berufstätigen Frauen im erwerbsfähigen Alter erreichte im September 2019 einen Rekordstand von 72%. Im Vergleich dazu lag die Frauenbeschäftigungsquote in den USA bei 67%, wobei sich der Abstand zwischen beiden Ländern in den vergangenen fünf Jahren deutlich vergrößert hat.
 

Dennoch bleibt noch viel zu tun. Beispielsweise weist Japan nach wie vor eines der weltweit größten geschlechtsspezifischen Lohngefälle auf, und nur wenn diese Lücke geschlossen wird, werden mehr Frauen bereit sein, auch künftig zu arbeiten oder an den Arbeitsmarkt zurückzukehren. Der starke Anstieg der Erwerbsquote in den letzten zehn Jahren ist auch darauf zurückzuführen, dass mehr Frauen einer Teilzeitarbeit nachgehen oder unregelmäßig tätig sind. Dies wird durch Steuergesetze gefördert, die Haushalte mit höherem Einkommen benachteiligen. Eine Reform diese Regelungen könnte eine größere Zahl von Frauen veranlassen, in eine Vollzeitbeschäftigung zu wechseln.


Zur Steigerung der Produktivität will die Regierung zudem ältere Arbeitnehmer bewegen, länger aktiv zu bleiben. Im Jahr 2013 begann die schrittweise Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters, das bis 2025 von 60 auf 65 Jahre steigen wird. Darüber hinaus hat die Regierung Subventionen für Unternehmen eingeführt, die Mitarbeiter über das Rentenalter hinaus einstellen oder beschäftigen. Inzwischen erkennen auch immer mehr Arbeitgeber, dass es sich lohnt, kompetente und erfahrene Mitarbeiter länger im Unternehmen zu halten.
 


Abb. 1: Maßnahmen zur Steigerung der Frauenbeschäftigungsquote zahlen sich aus

Der Anteil berufstätiger Frauen ist in Japan deutlich höher als in den USA

Abb. 1: Maßnahmen zur Steigerung der Frauenbeschäftigungsquote zahlen sich aus

 

Stand: 30. September 2019

Quelle: Berechnungen von T.Rowe Price auf Basis von Daten von FactSet Research Systems Inc. Alle Rechte vorbehalten.


Auch Investitionen der Privatwirtschaft verbessern die Produktivität

Nach jahrzehntelangen Unterinvestitionen wird endlich auch der private Sektor aktiv: Eine wachsende Zahl japanischer Unternehmen investiert in physisches und Humankapital und entwickelt neue und innovative Lösungen zur Produktivitätssteigerung. Dabei sehen sie sich gezwungen, die Grenzen des heute Machbaren immer weiter zu verschieben, und setzen auf diese Weise neue Maßstäbe.
 

Beispielsweise investieren japanische Unternehmen massiv in Automatisierung und künstliche Intelligenz, um Prozesse zu verbessern oder zu optimieren. Dies könnte auch dazu beitragen, viele der sozialen Herausforderungen Japans zu bewältigen, etwa durch die Verringerung des Arbeitskräftemangels und der Überlastung vieler Beschäftigter sowie durch Produktivitätssteigerungen in einer Reihe von Sektoren. Dieser bahnbrechende Wandel befindet sich noch in einer relativ frühen Phase, doch japanische Unternehmen jeder Größe setzen zunehmend auf intelligente Maschinen und Automatisierungstechnik. Da dieser Trend anhält und immer mehr Branchen erfasst, könnte er die Produktivität der japanischen Wirtschaft erheblich verändern. Die stärksten Auswirkungen könnten sich dabei im Dienstleistungssektor ergeben, dessen Produktivität im Vergleich zu den USA deutlich zurückgeblieben ist.
 

Führend bei robotergesteuerter Prozessautomatisierung

Eine technologisch besonders rasante Entwicklung verzeichnen derzeit Softwarelösungen für den Dienstleistungssektor, etwa im Bereich robotergesteuerte Prozessautomatisierung (RPA). Diese Technologie kann nicht nur sprechen, hören und lesen, sondern auch Transaktionen durchführen und prozessorientierte Arbeitsabläufe automatisieren. Sie findet in allen Branchen wachsende Verbreitung und wird vor allem von prozessorientierten Unternehmen wie Banken, Versicherungen, Versorgungsbetrieben und Telekommunikationsunternehmen eingesetzt. RPA-Software erleichtert diesen Unternehmen die Automatisierung prozessbasierter, repetitiver Tätigkeiten, die bisher von Mitarbeitern erledigt werden. Wenn man bedenkt, dass diese Branchen bisher Tausende Arbeitnehmer für prozessgesteuerte Aufgaben einsetzen, die sich automatisieren lassen, ist leicht ersichtlich, welches Potenzial zur Effizienzsteigerung RPA-Software bietet. Der Einsatz dieser Technologie könnte die Produktivität der japanischen Wirtschaft enorm verbessern.



RPA-Technologie könnte Produktivität entscheidend verbessern

Japan zählt bei produktivitätssteigernden Lösungen zu den Pionieren

RPA-Technologie könnte Produktivität entscheidend verbessern

 

 



Vorreiter bei Investitionen in potenziell bahnbrechende Technologien

Ein Unternehmen, das auf das enorme Potenzial zur Produktivitätssteigerung von RPA-Technologien setzt, ist SoftBank. Ende 2018 investierte der in Japan ansässige multinationale Mischkonzern USD 300 Mio. in das US-amerikanische Startup Automation Anywhere, das auf Automatisierungstechnik spezialisiert ist. SoftBank zählt zu den weltweit führenden Technologie-Investoren. Über seinen Vision Fund investiert der Konzern in Unternehmen mit bahnbrechenden Technologien, die seiner Einschätzung nach in der nächsten Ära der Innovation eine entscheidende Rolle spielen könnten.
 

Das Abenomics-Programm hat dank der Einleitung der notwendigen Strukturreformen, der Schaffung von Arbeitsplätzen und der Förderung von Investitionen entscheidende Weichen gestellt. Doch wenn Japan seine langfristigen demografischen Herausforderungen bewältigen will, spielt die Verbesserung der Produktivität die wichtigste Rolle. Die Maßnahmen zur Steigerung der Beschäftigungsquote tragen bereits Früchte, und dieser positive Trend hält an. Die Verringerung des Produktivitätsgefälles zwischen der Industrie und dem Dienstleistungssektor Japans ist eine weitere Priorität. In dieser Hinsicht zeichnet sich bereits eine positive Dynamik ab, da Privatunternehmen in intelligente Technologien und Systeme investieren, die die Produktivität der Dienstleistungsbranche beflügeln. Die gemeinsamen Anstrengungen der Privatwirtschaft und des öffentlichen Sektors könnten die Produktivität der japanischen Wirtschaft spürbar verbessern, den demografischen Problemen des Landes entgegenwirken und den Weg für ein nachhaltiges langfristiges Wachstum ebnen.
 

 

1 Quelle: Finanzdaten und Analysen von FactSet. Copyright 2019 FactSet. Alle Rechte vorbehalten. Stand: 30. September 2019.


 

Die identifizierten und beschriebenen Wertpapiere dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen keine Empfehlungen dar.

 

 

Wichtige Informationen

Dieses Dokument wurde ausschließlich zu allgemeinen Informations- und Werbezwecken erstellt. Dieses Dokument ist in keiner Weise als Beratung oder als Verpflichtung zur Beratung zu verstehen (auch nicht in Bezug auf Treuhandanlagen). Es sollte zudem nicht als primäre Grundlage für eine Anlageentscheidung herangezogen werden. Interessierte Anleger sollten sich in rechtlichen, finanziellen und steuerlichen Belangen von unabhängiger Seite beraten lassen, bevor sie eine Anlageentscheidung treffen. Die T. Rowe Price-Unternehmensgruppe, zu der auch T. Rowe Price Associates, Inc. und/oder deren verbundene Gesellschaften gehören, erzielen Einnahmen mit Anlageprodukten und -dienstleistungen von T. Rowe Price. Wertentwicklungen in der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Erträge. Der Wert einer Anlage sowie die mit dieser erzielten Erträge können sowohl steigen als auch sinken. Es ist möglich, dass Anleger weniger zurückbekommen als den eingesetzten Betrag.

Das vorliegende Dokument stellt weder ein Angebot noch eine persönliche oder allgemeine Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf von Wertpapieren in irgendeinem Land oder Hoheitsgebiet beziehungsweise zur Durchführung bestimmter Anlageaktivitäten dar. Das Dokument wurde von keiner Aufsichtsbehörde irgendeines Landes oder Hoheitsgebiets geprüft.

Die hierin geäußerten Informationen und Ansichten wurden aus oder anhand von Quellen gewonnen, die wir als zuverlässig und aktuell erachten; allerdings können wir die Richtigkeit oder Vollständigkeit nicht garantieren. Wir übernehmen keine Gewähr dafür, dass sich Vorhersagen, die möglicherweise getätigt werden, bewahrheiten werden. Die hierin enthaltenen Einschätzungen beziehen sich auf den jeweils angegebenen Zeitpunkt und können sich ohne vorherige Ankündigung ändern; diese Einschätzungen unterscheiden sich möglicherweise von denen anderer Gesellschaften und/oder Mitarbeiter der T. Rowe Price-Unternehmensgruppe. Unter keinen Umständen dürfen das vorliegende Dokument oder Teile davon ohne Zustimmung von T. Rowe Price vervielfältigt oder weiterverbreitet werden.

Das Dokument ist nicht zum Gebrauch durch Personen in Ländern oder Hoheitsgebieten bestimmt, in denen seine Verbreitung untersagt ist oder Beschränkungen unterliegt. In bestimmten Ländern wird es nur auf spezielle Anforderung zur Verfügung gestellt.

Das Dokument ist nicht für Privatanleger bestimmt, unabhängig davon, in welchem Land oder Hoheitsgebiet diese ihren Wohnsitz haben.

 

201911‑1019112

zugehörige Fonds
SICAV
Anteilsklasse I EUR
ISIN LU0230817925
Diversifiziertes Portfolio, das typischerweise in 60-80 unserer besten Ideen bei japanischen Wachstumswerten investiert. Berücksichtigt werden alle Größenklassen („All-Cap“). Unser Interesse richtet sich auf robuste Unternehmen mit Potenzial für eine Steigerung des Shareholdervalue, meist infolge struktureller Veränderungen oder fundamentaler Transformationsprozesse.
Mehr...
3 Jahres-Rendite
(Annualisiert)
9,52%
Fondsvolumen
(EUR)
€1,9Mrd.